Bei seinem siebten Besuch in Peking bekam der amerikanische Außenminister Kissinger in feinen Nuancierungen das chinesische Unbehagen darüber zu spüren, daß das Treffen zwischen Breschnjew und Ford ausgerechnet in einem jener "umstrittenen Gebiete", die China für sich beansprucht, stattgefunden hatte.

Kissinger traf nicht mit Mao Tse-tung zusammen. Er tauschte mit Ministerpräsident Tschou En-lai nur kurze Worte. Das knappe Kommuniqué sprach nicht von "freundschaftlicher Atmosphäre" wie im vorigen Jahr, sondern von "offenen, weitreichenden und gegenseitig nützlichen Gesprächen". Zu deutlich hatten Breschnjew und Ford in chinesischen Augen in Wladiwostok (übersetzt: "beherrsche den Osten") die Vorrangigkeit ihrer Beziehungen demonstriert.

Die Küstenprovinz hatte Rußland den Chinesen 1860 in einem jener "ungleichen Verträge" abgenommen, die Peking heute revidieren – über die aber Moskau nicht reden will.

Das wurde erneut unzweideutig klar in einer Ansprache, die Breschnjew in der vergangenen Woche in Ulan Bator, der mongolischen Hauptstadt, hielt, während Kissinger in Peking konferierte. Der sowjetische KP-Chef nutzte die 50-Jahr-Feier der Mongolischen Volksrepublik zu einer Erklärung:

"... In Wirklichkeit stellt Peking keine geringere Vorbedingung (für die Normalisierung der beiderseitigen Beziehungen) als den Rückzug der sowjetischen Grenztruppen aus einer Anzahl von Gebieten unseres Territoriums, auf die die chinesischen Führer Anspruch erheben und die sie ‚umstrittene Gebiete‘ nennen. Peking will nur dann mit Grenzgesprächen beginnen, wenn seine Forderung bezüglich der sogenannten ‚umstrittenen Gebiete‘ erfüllt ist. Es ist ganz offensichtlich, Genossen, daß eine solche Haltung völlig unannehmbar ist, und wir weisen sie zurück ..."

Die Äußere Mongolei war im 18. Jahrhundert unter chinesischen Einfluß geraten, hatte sich aber mit russischer Hilfe 1911/12 von dieser Vorherrschaft gelöst. 1919 besetzten die Chinesen erneut das Land, doch behielten die sowjetischen Revolutionäre am Ende die Oberhand. Ende November 1924 wurde die Mongolische Volksrepublik proklamiert. Im Zweiten Weltkrieg annektierte Moskau allerdings das Nordwestterritorium.