Die vielgenannten Möglichkeiten für Fortschritte auf institutionellem Gebiet erinnern an eine Art europäischen Wunderglauben; aber sie sind weder heute noch morgen zu realisieren: Die Einführung genereller Mehrheitsentscheidungen scheitert an der britischen Zurückhaltung. Die vertraglich verankerte Direktwahl der nationalen Abgeordneten zum Europäischen Parlament wird vom Pariser Gipfel bestenfalls grundsätzlich bejaht und für die Zukunft ("spätestens 1980") vorgesehen werden. Eine echte parlamentarische Beteiligung am Gesetzgebungsverfahren ist bei den gegebenen unterschiedlichen verfassungsmäßigen Ausgangslagen in den Mitgliedstaaten auf absehbare Zeit utopisch.

Um gleich die wichtigste Frage aufzuwerfen: Mehrheitsentscheidungen sind nicht gleichsam bedingungslos zu realisieren. So außerordentlich bedeutsam der Wandel in der französischen Haltung zu diesem Problem ist, so heißt das nicht, daß damit vom Rat nun Entscheidungen rasch und gut getroffen würden. Denn will man von der Einstimmigkeit abgehen, so setzt das vor dem Hintergrund gemeinsamer politischer Zielvorstellungen ein Mindestmaß an struktureller Konvergenz in allen Gemeinschaftsbereichen und ein Mindestmaß an Solidarität aller Partner voraus. Sonst fehlt jede Basis für gemeinschaftliche Aktion oder gar Politik. Beides bedingt sich, wechselseitig: Zu große Spannbreiten in den Strukturen verlangen den "Gebern" zu große Zugeständnisse ab. Zu gering entwickelte Solidariät veranlaßt die "Empfänger" nicht zu den notwendigen Eigenanstrengungen und verhindert gleichzeitig das Entstehen gemeinsamer Zielvorstellungen.

Diese Einschätzung betrifft keineswegs nur die Behandlung finanzieller Probleme. Das zentrale und permanente Spannungsverhältnis zwischen Konvergenz und Solidarität, das in jedem föderalen System zwischen den Mitgliedern eines Bundes existiert, ist vielmehr in allen europäischen Entscheidungsbereichen zu erkennen. Mehrheitsentscheidungen werden daher nur dort möglich, wo Konvergenzerfordernis und Solidaritätsanspruch nicht zu weit voneinander entfernt sind.

Bei der langen Wegstrecke bis zur erhofften Europäischen Union der 80er Jahre ergibt sich, getreu dem funktionalen Ansatz, die Notwendigkeit, zwischen dem fernen Ideal und der ungeliebten Realität des Heute Zwischenetappen zu definieren. Hatte nicht Willy Brandt mit seiner Einschätzung vom März 1970 in London gegen alles Oppositionsgeschrei doch recht, als er sagte: "Wir können in unserer Generation (in Europa) vielleicht nur einen Anfang setzen. Aber wäre es falsch, jetzt zu beginnen, auch wenn nur eine kommende Generation ernten könnte?" Denn "man muß natürlich immer ein Ziel vor Augen haben und das zur Zeit Mögliche tun, was zu diesem Ziel hinführt".

Die Europäische Union, wie Konrad Adenauer schon 1962 den europäischen Endzustand genannt hat, läßt sich in den heute existierenden Institutionen sicher nicht erkennen oder aus ihnen ableiten. Historische Parallelen müssen versagen. Nur so viel dürfte in allen europäischen Kabinetten unbestritten sein: Die Kommission kann nicht einmal der Kern einer europäischen Regierung sein. Dieser Glaube der Hallstein-Ära muß demontiert werden.

Auch die nationalen Oppositionen sollten ihn der puren Publizitätshascherei wegen nicht vertreten; er könnte sich als gefährlicher Bumerang erweisen. Daß in Europa dieses vielleicht negativ bestimmte Einvernehmen herrscht, ohne daß von irgend jemandem für so etwas wie die "Abschaffung der Kommission" plädiert wird, sollte immerhin zur Kenntnis genommen werden. Aber war es nicht eine typisch deutsche Vorstellung und nicht allein aus der materiellen, politischen wie psychologischen Null-Lage nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst verständlich, daß die widerwärtigen und zerstrittenen nationalen Interessen durch die das europäische Gemeinschaftsinteresse schlechthin verkörpernde Kommission ersatzlos aufgehoben würden? Dahinter verbirgt sich wohl Sehnsucht nach der Synthese und somit letztlich nach dem Hinwegdividieren der Politik aus Europa.

Die Wunschträume von damals sind verflogen und einer neuen Nüchternheit gewichen. Dennoch sollte man jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, sondern vielmehr feststellen: Die Grundlage des Römischen Vertrages ist voll scharfsinnigen Erfindungsreichtums. Trotz allem hat er sich bewährt.