Von Christian Schultz-Gerstein

Die "Hörzu"-Leser gingen auf die Barrikaden. "Mit diesem Politterror muß endlich Schluß sein", forderte einer von ihnen Anfang November und meinte nicht anarchistische Bombenleger, sondern die beiden deutschen Fernsehanstalten, die, wie ein anderer Leser meinte, "kaum Unterhaltung, dafür aber Politik im Überfluß" bringen.

Wie sehr solche Klagen über eine vermeintliche Überpolitisierung des Fernsehprogramms auch der allgemeinen Resignationsstimmung entspringen mögen, die Forderung nach mehr Unterhaltung und weniger Politik trifft unfreiwillig den auffälligsten Mangel der politischen Fernsehsendungen: Sie sind nicht unterhaltsam. Während manche Entertainer – Dietmar Schönherr oder Hans Joachim Kulenkampff beispielsweise – immerhin einmal versucht haben, den alten ideologischen Gegensatz zwischen Unterhaltung und Politik aufzubrechen, präsentieren Merseburger und Alt, Stephan und Löwenthal Politik nach wie vor mit jener steinernen Kathederwürde, die die Masse der Würdelosen schon immer daran gehindert hat, Politik als die Verhandlung der eigenen Interessen zu erkennen.

Das liegt wohl auch daran, daß die politischen Magazine zu viele, in der Regel vier bis fünf Beiträge enthalten, so daß bei einer Durchschnittszeit von neun Minuten pro Beitrag kaum mehr herauskommen kann als jene ermüdende Abfolge prominenter Statements, die dem Zuschauer als Analyse serviert werden. Wenn man beispielsweise ein so verzweigtes und überdies unattraktives Thema angeht wie die Verschuldung der Gemeinden und die Problematik der Kompetenz zen und des personellen Aufwandes kommunaler Selbstverwaltung ("Report" am 25. November), dann vermag man nicht einzusehen, warum ein solcher Beitrag oder ein anderer, den die Redaktion für wichtig hält, nicht die halbe Sendezeit beanspruchen sollte. Daß man jedoch auch in Kurzbeiträgen pointiert informieren, ja sogar unterhalten kann, wenn man nur die Möglichkeiten des Mediums ausnutzt, beweist Hanns Werner Schwarze mit seinem spritzigen, einfallsreichen ZDF-Magazin "Kennzeichen D". Hier ist einmal kein Leitartikler am Werk, der sich zu ehernen Sätzen x-beliebige Bilder zusammensucht, sondern ein phantasievoller und listiger Fernsehjournalist, der auch filmisch zu argumentieren versteht, ohne den sonst üblichen photographischen Analphabetismus.

Im übrigen aber scheint sich der ganze Einfallsreichtum der Magazinmacher oft in dem Ehrgeiz zu erschöpfen, klingende Namen in die eigene Sendung zu holen. Ein groteskes Beispiel für diese Berufskrankheit und wozu sie führt, lieferte "Report"-Moderator Franz Alt in der Sendung vom 11. November. Es ging um den Tod von Holger Meins, um Strafvollzug und um Fragen der künstlichen Ernährung. Es hatte nahegelegen, etwa einen mit der medizinischen Versorgung in deutschen Haftanstalten direkt und aus täglicher Arbeit vertrauten Gefängnisarzt zu interviewen. Franz Alt jedoch holte sich eine ranghohe, bekannte Amtsperson ins Studio, den nordrhein-westfälischen Justizminister Posser. Der aber konnte, wie vorauszusehen, zum Fall des im pfälzischen Wittlich verstorbenen Meins lediglich den Hinweis beisteuern, er sei nicht der Justizminister von Rheinland-Pfalz.

Dem starren Blick auf Prominente, die nominell für Ressorts zuständig sind, deren tatsächliches Innenleben sie meist nur vom Hörensagen ihrer Berater kennen, diesem technokratischen Glauben an die Identität von politischer Macht und sachlicher Kompetenz entspricht auch der ängstlich-unterwürfige Umgang mit den Herrschenden. Selbst die scheinbar so attackierfreudigen Frage-Roboter Casdorff und Rohlinger zelebrieren nur ein demokratisches Ritual, das nichts und niemanden in Frage stellt. Als beispielsweise die beiden Kreuzfeuer-Autoritäten in der letzten Monitor"-Sendung am 18. November vom Bundeskanzler wissen wollten, ob er tatsächlich, wie eine Zeitung geschrieben habe, "wie ein Juntachef" sein Kabinett beherrsche, oder als in einem anderen Beitrag derselben "Monitor"-Sendung Heinz Kühn zum schleichenden Verfall der nordrhein-westfälischen Koalition Stellung nehmen sollte, da waren in den Fragen die Antworten immer schon vorgegeben. Heinz Kühn wußte selbstverständlich von einer Koalitionskrise nichts, und Helmut Schmidt herrschte natürlich nicht als Juntachef, sondern traf Kabinettsentscheidungen erst nach Diskussionen und langen Beratungen mit den Ministern.

Allerdings geriet der Kanzler bei jenem Vorwurf etwas aus der Rolle, als er glaubte, daß Rohlinger sich mit dem Zeitungszitat identifizierte. Er rede dummes Zeug, maßregelte Schmidt den Journalisten. Rohlinger aber, statt bei der Gereiztheit des Kanzlers anzuknüpfen, schmollte wie ein zu Unrecht bestrafter Schüler und entschuldigte sich doch zugleich bei dem hohen Staatsmann, das mit dem Juntachef stamme ja nicht von ihm, er habe ja nur aus einer Zeitung zitiert. Die Szene ist nicht untypisch, und sie verrät, wohin es mit dem Journalismus unter demokratischer Proporzdiktatur gekommen ist. Die Hetzjagd, die die CDU gerade wieder einmal auf Peter Merseburger veranstaltet, kann in der Tat keinen seiner Kollegen ermutigen, es sich mit den Mächtigen zu verscherzen und ein tendenziöses, das heißt ehrliches und politisches Magazin zu machen.