In das Crescendo der vielen Stimmen, die den baldigen Ausbruch des fünften Nahostkrieges voraussagen, mischt sich die wachsende Sorge, daß dieser Krieg atomare Dimensionen annehmen könnte. Der israelische Staatspräsident Katzir schürte diese Angst, als er jetzt erklärte: "Israel verfügt über nukleares Potential."

Besitzt die israelische Armee also bereits die Bombe? Wirklichkeit oder Möglichkeit – die Antwort bleibt weiter offen.

Zwar produziert der 1965 von den Franzosen in der Negev-Wüste gebaute Atomreaktor von Dimona genügend Plutonium, um pro Jahr mindestens eine 19 Kilotonnen schwere Atombombe herzustellen. Das entspricht der Sprengladung, die einst die japanische Großstadt Nagasaki dem Erdboden gleichmachte. Aber noch fehlt es an Beweisen dafür, daß dieses Plutonium auch schon in A-Waffen umgesetzt würde. Gewichtige Gründe sprechen dagegen:

Erstens drängt sich der Griff nach dieser letzten Verteidigungswaffe angesichts der weiterdauernden militärischen Überlegenheit Israels noch nicht wirklich auf. Zweitens könnte das Rasseln mit eigenen Atombomben zu äußerst unerwünschten Bumerangreaktionen auf arabischer und sowjetischer Seite führen. Drittens müßte eine israelische Atombewaffnung das Verhältnis zu Washington schwer belasten, auf dessen Wohlwollen der isolierte Judenstaat angewiesen ist.

Präsident Katzirs Warnung galt deshalb wohl weniger den Arabern als den Amerikanern. Von ihnen fordert Israel mehr und modernste konventionelle Waffen, vielleicht sogar die Schutzgarantie eines bilateralen Verteidigungspaktes – zum Preis atomaren Selbstverzichts.

Dennoch: der nukleare Hintergrund des Nahostkonflikts läßt sich immer weniger wegretuschieren. Die Gefahr einer unheilvollen Freisetzung lokaler Atomenergie zu kriegerischen Zwecken wächst in dem Maß, als arabische Frustrationen in arrogante Kraftprotzerei und israelische Massada-Komplexe in politisch blinden Jähzorn umschlagen. Die Politiker müssen sich beeilen – Talleyrand zum Trotz: diplomatischer Eifer, ja Übereifer ist geboten. A. K.