Mercedes-Stern und Kuwait-Halbmond: kein Anlaß zu Wirtschaftsnationalismus

Von Diether Stolze

Der Schock kam unerwartet, wenngleich wir hätten vorbereitet sein sollen. Ausgerechnet bei Deutschlands renommiertestem Industrieunternehmen haben sich "die Araber" eingekauft, noch dazu zunächst anonym. Die Nervosität war allgemein. Zwischen Bonn, Frankfurt, Stuttgart und Bad Homburg wurden aufgeregt Telephongespräche geführt, Koalition und Opposition drohten mit einem "parlamentarischen Nachspiel".

Heute, wenige Tage später, muß man nüchtern fragen: Was ist denn eigentlich so Schreckliches passiert? Emir Scheich Sabah as-Salim as-Sabah von Kuwait, den man mittlerweile füglich als reichsten Mann der Welt bezeichnen darf, hat für den Preis von wahrscheinlich knapp einer Milliarde Mark ein Paket Daimler-Benz-Aktien erworben – soweit man weiß, etwa 14 Prozent des Grundkapitals (siehe Berichte Seite 41). Gewiß ist dies eine der größten Finanztransaktionen der letzten Jahre. Auch ist natürlich zuzugeben, daß Staatssekretär Rohwedder mit seiner Bemerkung recht hatte, Daimler-Benz sei "schließlich keine Marmeladenfabrik".

Nur: Der "gute Stern" ist doch nicht hinter dem Halbmond versunken. In Untertürkheim haben nach wie vor die Familie Flick und die Deutsche Bank das Sagen. Der Schah bei Krupp hat wesentlich mehr Einfluß (weil er 25 Prozent besitzt, also die sogenannte Sperrminorität, die einem Aktionär beachtliche Rechte einräumt), als Scheich Sabah je ausüben könnte, selbst wenn er dies wollte. Zunächst gilt aber sowieso noch, daß die Dresdner Bank als Treuhänder fungiert und über das Stimmrecht verfügt: Der Herrscher von Kuwait begnügt sich mit der Rolle des Couponschneiders.

Nun war ein Grund für die hektische Nervosität am vergangenen Wochenende sicherlich die Geheimniskrämerei, mit der das Geschäft abgewickelt worden war. Die halbe Nation beteiligte sich an dem Rätselspiel "Wer ist es". Mehr oder weniger scharfsinnige Schlüsse wurden gezogen, der Iran, der Irak, Saudi-Arabien genannt – auf Kuwait, den Käufer, tippten nur wenige.

Selten ist eine Transaktion, die finanziell sicher vernünftig und ertragreich war, in einem so miserablen Stil abgewickelt worden wie der Verkauf des Daimler-Pakets. Da ist die Familie Quandt seit Jahr und Tag drittgrößter Aktionär in Stuttgart, hält zwei Sitze im Aufsichtsrat, arbeitet eng mit einem erfahrenen – und nicht zu vergessen: außerordentlich erfolgreichen – Vorstand zusammen. Und dann erfährt Daimler-Chef Zahn wenige Stunden vor der öffentlichen Bekanntgabe, daß verkauft worden ist – an einen "Unbekannten". Basta.