Donnerstag, den 28. November, in Leipzig: Die XVII. Internationale Dokumentar- und Kurzfilmwoche feiert den "Tag der anti-imperialistischen Solidarität". Am Nachmittag läuft im Festivalkino "Ich war, ich bin, ich wer de sein", bedrückende Bilder aus den Konzentrationslagern des Pinochet-Regime, von Walter Heynowski und Gerhard Scheumann ("Der Krieg der Mumien") wie zu einer unnachsichtigen Beweisaufnahme zusammengestellt. Am Abend ein von Passanten umlagerter Kinoeingang: Chile-Plakate werden versteigert; FDJ-Gruppen singen vor und im überfüllten Kino "Venceremos!", die Hymne der "Unidad populär". Dann Filme über Südafrika, die Golan-Höhen und Portugal. Und dann steht plötzlich Jane Fonda auf der Bühne. Sie fordert die Photographen auf, sich zu setzen. Sie spricht zum Publikum: vom "Konflikt zwischen dem US-Imperialismus und den Ländern, die um ihre Freiheit kämpfen..."

So eindeutig hatte man sich das doch nicht vorgestellt. Ein Hollywood-Star, der eine Popularität politisch einsetzt. Schön und gut. War das mehr als ein besonders ausgefallener PR-Trick? Aber Jane Fonda ließ solche Vermutungen als Vorurteile erscheinen. "Ich bin hier nicht als Filmstar, sondern als Kämpferin, als Vertreterin der amerikanischen Antikriegsbewegung", korrigierte sie jede auf Starrummel gerichtete Erwartung.

Und schließlich hatte sie einen Film mitgebracht: "Introduction to the Enemy" ("Vorstellung des Feindes"), der filmische Bericht ihrer Reise mit Kameramann Haskell Wexler durch Vietnam. "Der erste Film von Amerikanern für Amerikaner, der die Vietnamesen nicht als Feinde oder Opfer, sondern als Menschen zeigt", charakterisiert ihn Jane Fonda selbst. Und sie bittet jeden, der von der filmischen Qualität vielleicht enttäuscht sein wird, doch zu bedenken, daß dieser aus Spenden finanzierte Film "weniger als eine einzige Bombe gekostet hat".

Tatsächlich erweist sich "Vorstellung des Feindes" als ein bemerkenswerter Agitationsfilm. Den wohl in den USA noch immer verbreiteten Klischees von den "roten Teufeln" aus Nordvietnam und dem hinterhältigen Vietcong in Südvietnam, an deren Seite bestenfalls noch hungernde Kinder, weinende Frauen und verkrüppelte Bauern treten, diesem grobkörnigen Feindbild versucht der Film das differenzierte Porträt eines Volkes gegenüberzustellen, das all diese Klischees Lügen straft. Und daß da nicht irgendein Fernsehreporter, sondern einer der beliebtesten Hollywood-Stars aus dem kommunistischen Hanoi berichtet, in das nach dem Abzug der amerikanischen Bomber die Kinder zurückgekehrt sind, daß da Jane Fonda die gefährliche Arbeit der Bauern auf den Schlachtfeldern am 17. Breitengrad beobachtet oder die Phantasie der Arbeiter bestaunt, die aus den Trümmern abgeschossener Starfighter Fahrräder und Töpfe herstellen, das macht "Introduction to the Enemy" geradeauch für das Publikum attraktiv, das den Krieg in Vietnam stillschweigend hingenommen hatte.

Am Sonntag war Jane Fonda mit ihrem Vietnamfilm auch in Köln, und in New York hat sie sogar im kommerziellen Kino einen Achtungserfolg errungen. Damit hat "Introduction to the Enemy" die herrschende Vorstellung über Vietnam wirkungsvoller zurechtgerückt als mancher etablierte Vertreter des "politischen Films". Daß ihr Film dabei kaum über einen sauber photographierten und persönlich getönten Reisebericht hinauskommt, fällt kaum ins Gewicht.

Der Auftritt Jane Fondas als Botschafterin des anderen Amerika war zweifellos einer der Höhepunkte des Leipziger Festivals, das sich schon immer nicht allein durch cineastische Qualitäten, sondern auch durch politische Demonstrationen ausgezeichnete. Ein Jane-Fonda-Festival wurde Leipzig durch ihr Erscheinen aber nicht. Die Welle von Mitleid, Sympathie und Solidarität, die ein paar Tage zuvor Joan Jara, der Witwe des ermordeten chilenischen Sängers, entgegenbrandete, wurde von der Freude über Jane Fondas Besuch nicht überstrahlt, der Starrummel blieb aus: Das lag vor allem an Jane Fonda selbst, die in Leipzig und in Köln mit Journalisten und Filmemachern diskutierte, als sei sie auf den Festivals von Leipzig und Oberhausen zu Hause und nicht in den Studios von Hollywood.

Wolfgang Ruf