Hannover

Vom Dauersturm im deutschen Blätterwald werden auch die scheinbar stärksten Stämme nicht verschont. Der Fall der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) beweist es aufs neue. Bis vor kurzem galt die bürgerliche Gazette mit einer Auflage von 180 000 Exemplaren und der Zulieferung von 120 000 "Mänteln" (der überörtlichen Seiten für Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport) an Heimatblätter im Umkreis von mehr als hundert Kilometern noch als Musterstück einer gesunden und expansiven Regionalzeitung. Jetzt mußte der HAZ-Verlag Madsack & Co. durch Geldspritzen neuer Teilhaber vor dem Zusammenbruch bewahrt werden, weil er sich beim allzu großzügigen Bau eines Verlagsgebäudes verspekuliert hatte.

Zur allgemeinen Misere im Zeitungsgewerbe, ausgelöst durch Anzeigenschwund, Papierpreiserhöhung und Person.alkosten.la.wine, kamen in Hannover noch falsche Unternehmerentscheidungen. Mit dem Einstieg des SPD-nahen Verlegers Dietrich Oppenberg und der SPD-Holding "Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft" wird jetzt das Schlimmste verhindert.

Die Verlegerin der HAZ kann aufatmen, aber die Sorgen der Redakteure bleiben. Sie müssen befürchten, daß die neuen Teilhaber ihr Millioneninvestment in Einflußnahme auf die politische Linie ummünzen. Die großartigen Garantien für die Beibehaltung der bisherigen Tendenz, mit denen die Journalisten jetzt beruhigt werden, bestehen wohl nicht ewig.

Der Handel von Hannover könnte noch eine weitere Folge haben. Es scheint, daß nunmehr auch das Schicksal der kränkelnden Neuen Hannoverschen Presse (NHP) wieder zur Disposition steht. An der ehemaligen SPD-Zeitung hatte sich das Verlagshaus Madsack erst im Januar 1973 zur Hälfte beteiligt. Die Frage ist: Wird die SPD ihr Interesse an der NHP verlieren, nachdem sie nun in der weitaus wichtigeren Allgemeinen mitreden kann? Die Erfahrungen mit sozialdemokratischer Pressepolitik geben Anlaß zu pessimistischen Spekulationen. D. B.