Von Benjamin Henrichs

Vielleicht war es ein Fehler, vorher das Buch zu lesen. Vielleicht hätte ich, ohne das übermächtige Vorbild des Romans im Kopf, einleuchtender gefunden, was Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen aus Heinrich Manns "Professor Unrat" gemacht haben: "Eine Komödie mit Musik".

Eine Komödie mit Musik, das bedeutet in Bochum und bei Zadek: ein chaotisches kleines Welttheater, ein Spiel auf allen Etagen der Theaterkultur – von der genauen, zärtlichen Figurenbeschreibung bis zum lähmenden, vulgären Klamauk. Bedeutet, wie schon beim "Lear": daß da ein Bühnenbild aufgebaut ist, das gar nicht wie ein Bühnenbild aussieht, keinen ästhetischen oder architektonischen Ehrgeiz verrät (und das, obwohl sich diesmal gleich drei Künstler – Daniel Spoerri, Peter Pabst und André Diot – um die Ausstattung bemüht hatten): links ist mit einem hohen Katheder, zu dem eine steile Treppe hinaufführt, und mit ein paar Holzbänken Unrats Schulstube angedeutet; rechts steht eine bunte, billige Pappwand, wie eine Riesenpostkarte – Türme und Häuser der Hansestadt Lübeck. Auf dieser fragmentarisch-kargen Bühne stellt das Bochumer Ensemble sein bruchstückhaft-reiches, um Stil- und Geschmacksfragen ziemlich unbekümmertes Theaterspiel aus; sieht man wieder einmal ein paar wunderbare und viele mindestens mutige Theaterkünstler – wie die monumentale Tana Schanzara, die als Kleinkünstlerin Guste Kiepert über die winzige Bühne des Lokalt "Zum blauen Engel" stampft und dabei ihre eigentlich erschreckenden Fleischmassen mit einem kindlichen, jauchzenden Exhibitionismus den (inzwischen kaum noch erstaunten) Augen des Bochumer Publikums preisgibt. Zadeks und seiner Schauspieler Mut zum Degoutanten – er sieht nun allmählich, nach den Abenteuern des "Lear", nicht mehr mühsam erkämpft aus, sondern wie die fröhliche Freiheit selbst.

Und frei ist dieser Regisseur nun auch, wie kein anderer, von den Zwängen und Neurosen der Perfektion: Zadek, der noch vor zwei Jahren, zu seinem Bochumer Beginn, Falladas "Kleiner-Mann, was nun?" zu einer adrett herausgeputzten, perfekt kalkulierten, aus Sentiment und flotter Show gemischten Revue gemacht hatte, er erlaubt sich diesmal eine gewisse Unordentlichkeit: läßt lärmend umbauen, läßt Szenen spannungslos Durchhängen, vergißt Schauspieler, während sie noch auf der Bühne stehen. Er hat die Lust verloren, die Details zu dressieren. Zadek, der sicher einer der größten Regieprofis unseres Theaters ist, hat es also fertiggebracht, einem ordentlichen Stadttheater etwas zurückzugewinnen von der Ruppigkeit, der Unbesorgtheit der Amateure.

Und unbesorgt, ganz Amateurdramatiker, hat sich Zadek an. Heinrich Mann herangemacht. Hatte er bei der Fallada-Bearbeitung noch einen Professionellen (Tankred Dorst) zu Hilfe geholt, so schrieb er sich diesmal sein Stück gleich selber. Sein dramaturgisches Verfahren dabei war höchst einfach, aber nur scheinbar einleuchtend: Zadek/Greiffenhagens Stück besteht fast ausschließlich aus Heinrich-Mann-Originaltexten, aus den dramatischen Dialogen, mit denen Manns Roman ständig, gerade an seinen Höhepunkten, die erzählende Prosa durchbricht. Von Zadek selbst ist nur wenig: zwei Traumeinlagen (in einer davon darf Magdalena Montezuma als Isidora Duncan melodramatisch über die Bühne flattern) und ein paar, ziemlich elende, humoristische Zutaten.

Dieses schlichte Zitat-Verfahren fordert einen bitteren Preis. Da Zadeks Bearbeitung keinen Versuch unternimmt, das, was nicht in wörtlicher Rede geschrieben ist (also den ganzen reflektierenden Teil des Romans, also Heinrich Manns immens gescheite Beschreibung von Kleinstadtmenschen und kleinstädtischem Klima), in den dramatischen Text zu übersetzen, ist diese Bearbeitung nur ein Entlangerzählen an Oberflächen. So gähnt zwischen Zadeks "Professor Unrat" und dem von Heinrich Mann ein doch erschreckender Abgrund: Es ist der Abstand zwischen Roman und Revue, zwischen aufdeckendem Realismus und bloßer Vordergrundbeschreibung.

Dies ist der eine, der prinzipielle Einwand gegen Zadeks Stückschreiberei. Der andere, nicht weniger wichtig: eine der entscheidenden Konstellationen des Romans (die Beziehung zwischen Professor Unrat und seinem Schüler Lohmann) bleibt in der Bochumer Fassung unsichtbar. Lohmann ("Er hatte die Blässe Luzifers und eine talentvolle Mimik. Er machte Heinesche Gedichte und liebte eine dreißigjährige Dame") ist-für den alten Schullehrer die Provokation, der Aufruhr selbst: weil Lohmann der einzige ist, der gegen Unrats Tyrannei nicht tückisch revoltiert, der einzige auch, der den Lehrer Raat nicht bei seinem Spitznamen Unrat nennt, der mit dem Hochmut des großbürgerlichen Intellektuellen Unrats kleinbürgerliche Schreckensherrschaft einfach negiert. "Ein Schüler war ein mausgraues, unterworfenes und heimtückisches Wesen, ohne anderes Leben als das der Klasse und immer im unterirdischen Krieg gegen den Tyrannen: so war Kieselack, oder ein dummer, starker Kerl, den der Tyrann durch seine geistige Vorherrschaft in fortwährender Verstörtheit erhielt: wie von Erztum. Lohmann aber, der schien ja den Tyrannen anzuzweifeln!"