ARD, Montag, 2. Dezember: "Triumph und Tragödie", Fernseh-Essay von Rolf Hochhuth

Eindrucksvoll: wie der dicke alte Mann in einer englischen Parklandschaft saß und den Pferden zuschaute. Eindrucksvoll, sobald Sätze wie diese zitiert wurden: "Wenn Hitler einen Angriff auf die Hölle plant, werde ich den Teufel im Unterhaus lobend erwähnen" oder "Die Engländer haben die Herzen von Löwen; meine Aufgabe war es, den Löwen brüllen zu lassen" oder "Wenn Hitler kommen will, mag er es tun. Unsere Flotte wartet auf ihn. Die Fische warten auch."

Eindrucksvoll schließlich: die Manier, mit der Rolf Hochhuth dem Betrachter am Bildschirm vorführte, wie die europäische Landschaft ausgesehen hätte, wenn Winston Churchill nicht gewesen wäre. Adolf-Hitler-Plätze vom Atlantik bis zum Ural. Hakenkreuzfahnen auf der Akropolis und dem Londoner Tower.

Es gab Glanzpunkte in diesem Churchill-Requiem: vortreffliche Formulierungen ("Staatsbegräbnis", sagte Hochhuth, die Beerdigung des Premiers mit der Beerdigung des Empire identifizierend, "das ist ein doppelbödiger Begriff"), vortreffliche Bilder: Die Szene, in der Churchill und Roosevelt den Choral anstimmten, hätte von Brecht stammen können.

Daneben viel Mißliches. Ein dämonisierter Hitler ("Der Braunauer Amokläufer"). Ein in den Olymp versetzter Churchill ("Der größte Brite neben Shakespeare"). Da wird Geschichte zur Hitparade. Churchill Rang eins. Swift Rang sechs. Turner nicht plaziert. Keine Stimme für Adam Smith und Queen Mary. Männer machen die Geschichte: Vom Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft, von gegenseitiger Bedingtheit war keine Rede in diesem Film. Fast schien es so, als sei die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts weitgehend identisch mit einer Person, die den Geist der Zeit prägte.

Churchills Bekenntnis, er habe sich bei seinen Memoiren, Defoe folgend, der persönlichen Erlebnisse eines einzelnen bedient, um bedeutende militärische und politische Ereignisse zu schildern – dieses Bekenntnis wurde in der Sendung niemals in Frage gestellt. Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters blieben unberücksichtigt. Churchill präsentierte sich, nehmt alles nur in allem, als ein von tragischer Größe gezeichneter Übermensch, grandios noch im Scheitern. Ein Heros mit kleinen Schwächen,– doch noch nicht einmal: ein Mann in seinem Widerspruch. Das Antiquierte seiner Konzeption, die Gestrigkeit, mit der er nicht nur dem Phänomen Lenin, sondern auch dem Phänomen Gandhi begegnete, kam nicht heraus. Die Brutalität seines Tory-Denkens: der von Sebastian Haffner als faschistisch bezeichnete Zug gewann kein Profil.

Es wurde nicht deutlich, daß das von Churchill beschworene Europa ein erzkonservatives Europa sein sollte – ein Europa, geprägt vom Geist der Königin Viktoria. Statt Widersprüche sichtbar zu machen (Churchill, der Militär und Romantiker, der Haudegen und Künstler, der Troupier und Artist; Churchill, der große Debatter und Redner, der am Ende, wie Bismarck, denkmalsgleich im Parlament saß und schwieg) – statt diesen Churchill beim Wort zu nehmen und die Churchillschen Thesen in Anführungszeichen zu setzen, um hernach zu zeigen, was sich hinter ihnen verbirgt, verzichtete Hochhuth auf Ideologiekritik und eine Analyse aus der Distanz. Die "freie Welt" war ihm, der sie mit Churchills Augen sah, die tatsächlich freie Welt, die Sowjetunion war ihm Rußland.