Von Klaus Peter Schmid

Paris, im Dezember

Nach sechs Monaten Giscard d’Estaing wissen die Franzosen weniger denn je, ob sie ihrem neuen Präsidenten trauen sollen. Die jüngsten Meinungsumfragen zeigen eine deutliche Baisse seines Ansehens. "Muß man Giscard ernst nehmen?", fragte das linke Magazin Nouvel Observateur schon vor Wochen. Der sonst regierungstreue Paris Match riskierte gar in fetten Lettern die Frage: "Arbeitet Giscard?"

Selbst das Privatleben Giscards ist ins Zwielicht geraten. Ausgerechnet Le Monde, sonst in solchen Dingen zurückhaltend, leuchtete in die Intimsphäre des Präsidenten hinein: "Die Gerüchte, die über die Krankheit Georges Pompidous umliefen, haben sich auf das Privatleben seines Nachfolgers verlagert." Der Londoner Economist wurde noch etwas deutlicher: "Was macht Giscard nach Mitternacht?" Daß er ohne Familie im Elysée lebt, daß ihn seine nächtlichen Ausflüge wohl nur selten zu Frau und Kindern führen, daß die Sicherheitsbeamten ihm nicht folgen können, daß er im nächtlichen Paris am Steuer seines Wagens (und angeblich in Begleitung) einen Unfall baute, daß er nach 20 Uhr und am Wochenende selten arbeitet – all das paßt nicht in das hehre Bild der Franzosen vom würdigen, familiären, aufopfernden Mann im Elysée.

Es paßt freilich auch nicht in die Selbstdarstellung Giscards. Er verriet dem US-Magazin Time: "Ich messe Stilfragen eine große Bedeutung bei." Gewiß, er hat Pomp und steife Würde weitgehend aus dem Präsidentenpalais verdammt. Er improvisiert gern, und gekonnt, läßt sich ungern in althergebrachte Muster zwingen, verachtet Formalismus. Doch kann es, wie Le Monde meinte, nicht ausbleiben, daß dieser Stil als dynamisch gilt, solange dem Präsidenten alles zu gelingen scheint, er aber für oberflächlich gehalten wird, sobald Schwierigkeiten auftreten.

Giscard wirkt leicht überheblich; doch die ihn besser kennen Versichern, er kaschiere damit nur seine Verwundbarkeit und seinen Hang zur Sentimentalität. Daß er nachtragend sein kann, hat er bewiesen, als er nach seinem Amtsantritt ein halbes Dutzend Anhänger seines Konkurrenten Chaban-Delmas aus ihren Ämtern entfernen ließ. Er versteht es, glaubwürdig zu wirken, auch wenn das Publikum nicht begreift, was er eigentlich sagen will. Aber nach sechs Monaten Giscard reicht den Franzosen bloße Glaubwürdigkeit nicht mehr. "Man ist ja stets bereit, Giscard zu glauben, was er sagt – wenn man nur wüßte, was er denkt", sagte jüngst ein Politiker der Regierungsmehrheit.

Mehr als seine Vorgänger bringt Giscard seine Ideen selber unters Volk. Der kleine Mann findet den Präsidenten auch gewiß brillant, aber es wächst doch die Skepsis. Giscard redet über die Köpfe der Durchschnittsfranzosen hinweg. Auch die guten Ratschläge Jean-Jacques Servan-Schreibers, der neuerdings als eine Art PR-Manager Giscards fungiert, haben daran nichts ändern können. Kommentare Giscards unterscheiden sich zudem in der Substanz immer weniger von denen der Vorgänger. Nach der letzten Pressekonferenz im Elysée spottete Raymond Aron: "Giscard d’Estaing sagte nichts, was General de Gaulle oder Georges Pompidou nicht hätte sagen können. Da er aber das Gleiche anders sagen wollte, bewirkte er einen Wandel, der nicht immer ein Fortschritt war."