Von Richard Schmid

Der nicht mehr aufzuholende Vorsprung, den die Wissenschaft der angelsächsischen Länder von der Geschichte der Sowjetunion hat, zeigt sich wieder mit der neuen Biographie über einen Mann, der auch in der Sowjetunion selbst noch immer nicht Gegenstand freier Forschung ist: den menschlich sympathischsten der Revolutionäre der ersten Garnitur von 1917:

Stephen Cohen: "Bukharin and the Bolshevik Revolution. A Political Biography 1888 bis 1938"; Verlag Alfred A. Knopf, New York 1973; 495 S., 15 Dollar.

Noch mehr als Deutschers "politische Biographie Trotzkijs spart Cohen das Persönlich-Private aus. Er gibt nur einige Daten über die Eltern und die Schulzeit. Die Familie wird erst wieder am Ende sichtbar, als Bucharin (in der deutschen Schreibweise) nach seiner Verhaftung im Jahre 1937 mit Drohungen gegen das Leben und die Freiheit seiner Frau und seines Sohnes zu der ihm zugedachten Rolle in dem von Stalin geplanten letzten großen Prozeß erpreßt werden sollte. Die Drohungen wurden wahr gemacht; die Erpressung war erfolglos.

Die Beschränkung der Biographie auf das Politische hat den Vorzug, daß die dramatischen Wendungen der bolschewistischen Politik von der vorrevolutionären Zeit bis zu Bucharins Tod sich zusammenhängend verfolgen lassen. Das Profil und die Rolle Bucharins werden trotz der amtlichen Austilgung und der Beseitigung wichtiger Quellen in der Sowjetunion selbst deutlich. Die noch vorhandenen hat Professor Cohen aufgespürt und das, was sie hergeben, gut zu ordnen und überzeugend zu deuten verstanden.

Nikolaj Bucharin ist schon während seiner Gymnasialzeit in Moskau Marxist geworden; er war übrigens Schulkamerad Ilja Ehrenburgs. Als Student an der Moskauer Universität wurde er mehrfach verhaftet, verbannt und bestraft, vermutlich ein Opfer des Ochrana-Spitzels Malinowsky, dem Lenin sein durch keinen Verdacht Zu erschütterndes Vertrauen schenkte, bis sich nach der Revolution aus den Polizeiakten seine Spitzelrolle herausstellte. Bucharin floh 1911 nach Deutschland, wurde enger Mitarbeiter Lenins und kehrte erst 1917 nach Moskau zurück. Er war schon bei Lebzeiten Lenins und bis 1928 der einflußreichste und produktivste Theoretiker und Volkswirtschaftler der Partei.

Cohen findet in den Bucharinschen Arbeiten und Äußerungen von Anfang an einen roten Faden: nämlich die mehr oder minder theoretische Ahnung und Befürchtung, daß der Sozialismus nicht die einzige Alternative nach dem Kollaps des kapitalistischen und imperialistischen Staates sein konnte, sondern daß sich daraus ein Staatskapitalismus, eine neue Oberschicht, eine neue Ausbeutung und ein übermächtiger Staatsapparat entwickeln könne. Das lief schließlich auf seinen tödlichen Konflikt mit Stalin hinaus, auf den er es ankommen ließ, obwohl er seiner Wesensart nach mehr Theoretiker als kämpferischer Politiker war.