Rascher als erwartet sind die Kurse der festverzinslichen Papiere in Bewegung gekommen. Mit einer Anhebung der Kurse zum Jahresende war zwar gerechnet worden, daß jedoch der Zehnprozenter noch vor dem Jahresultimo zur Disposition gestellt werden würde, war nicht abzusehen. Alle jene Anleger, die seit Jahresmitte im Vertrauen auf eine Zinssenkung unverdrossen Rentenwerte erworben haben, sehen sich jetzt belohnt. Sie können sich nicht nur über eine hohe Verzinsung, sondern auch noch über einen kleinen Kursgewinn freuen.

Allerdings ist die Zahl der privaten Rentenanleger in den letzten Monaten minimal gewesen. Gekauft haben vor allem die institutionellen Gruppen, einige Kreditinstitute und Ausländer. Dem deutschen Publikum steckt die Enttäuschung der vergangenen Jahre zu tief in den Knochen. Es blickt enttäuscht auf die in den zurückliegenden Zeiten erlittenen Kursverluste; es hat das Vertrauen in die Wertpapieranlage verloren.

Unzweifelhaft ist richtig, aus Erfahrungen der Vergangenheit lernen zu wollen. Andererseits sind Gefühle schlechte Ratgeber. Deshalb, meine verehrten Leser, sollten Sie sich, falls es nottut, überwinden und noch auf den abgefahrenen Rentenzug aufspringen. Denn das Ende der Kurssteigerungen bei festverzinslichen Papieren ist noch nicht erreicht. Die Bundesregierung will den Kapitalmarktzins drücken. Darin sieht sie eine wichtige Möglichkeit, die festgefahrene Konjunktur wieder flottzumachen. Daß die Bundesbank in diesem Punkt zurückhaltender ist, kann man verstehen. Sie möchte ihre konsequente Stabilitätspolitik nicht kurz vor dem Ziel aufgeben. Der Zentralbankrat wird sich aber auf die Dauer den Wünschen der Bundesregierung nicht verschließen können.

Die Kurse zahlreicher Zehnprozenter sind in den letzten Tagen über 100 Prozent hinausgestiegen. Damit ist die Notwendigkeit, den Nominalzinssatz auf 9 1/2 Prozent zu senken, greifbar nahe gerückt. Zweifellos wäre es vernünftig, den Übergang zum neuen Nominalzins noch etwas hinauszuzögern, um den Nachfragesog, der sich in den letzten Tagen auch im Bereich der Bankenkundschaft bemerkbar zu machen beginnt, nicht frühzeitig zu bremsen. Nichts wirbt mehr für Emissionen als ihre vorzeitige Zeichnungsschließung.

Die öffentliche Hand will die Klimabesserung nutzen. Neben der fest eingeplanten Bundesanleihe über 600 Millionen Mark soll es in diesem Monat noch eine Postanleihe von 400 bis 500 Millionen geben. Zwischen Weihnachten und Neujahr ist als "Ausfeger" eine Anleihe des Landes Nordrhein-Westfalen von 300 bis 400 Millionen Mark vorgesehen. Börsenexperten meinen, daß damit die Periode des Zehnprozenters abgeschlossen sein wird. Das neue Jahr wird dann den 9 1/2prozentigen Nominalzinssatz bringen, Mitte des Jahres, so schätzt man, könnte man dann den Neunprozenter etablieren. Optimisten träumen bereits von einem Zinsabbau auf acht bis 8 1/2 Prozent. Ein Grund mehr, nicht mehr länger mit der Anlage in festverzinslichen Papieren zu zögern.

Mit Recht werden Sie fragen, meine verehrten Leser, ob der Finanzbedarf der öffentlichen Hände im kommenden Jahr überhaupt eine Zinssenkung in diesem Ausmaß zuläßt. Voraussetzung dafür ist natürlich, daß auch auf den internationalen Kapitalmärkten die Zinsabwärtsbewegung weitergehen wird. Dafür spricht einiges.

In der Bundesrepublik müssen wir von einer abgeschwächten Kreditnachfrage von Wirtschaft und Wohnungsbau ausgehen, so daß dieser Raum von der öffentlichen Hand eingenommen werden kann. Die Kreditinstitute weisen auf die hohen Termineinlagen hin, die eineinhalbmal so hoch sind wie normal, nämlich rund 100 Milliarden Mark. Davon würden sich rund 30 Milliarden ziemlich rasch für den Kapitalmarkt mobilisieren lassen. Wenn man dann noch berücksichtigt, daß die Sparneigung zunimmt, so sollte 1975 das Loch von 50 bis 70 Milliarden Mark in den öffentlichen Etats auch bei sinkenden Zinsen zu decken sein.