Von Wolfram Siebeck

Wenn einer Karl Müller heißt, dann kann er arm sein oder reich, gut oder böse; er kann ein Intellektueller sein oder ein Depp. Name ist Schall und Rauch, sagt schon Goethe, und sogar wenn etwas Mephisto heißt, muß es nicht der Teufel sein, sondern ist möglicherweise ein Fliegenvertilgungsmittel.

Anders ist es, wenn dem Namen ein Titel vorangestellt wird. Ein Ingenieur Karl Müller, das weiß man sofort, ist ein Mann, der etwas von Technik versteht und eine Logarithmentafel nicht für Diabetikerschokolade hält. Der Titel Professor gar signalisiert den gebildeten Mann schlechthin. Allerdings verrät der Titel noch nicht, ob der Professor seine Bildung in den Dienst des Staates stellt oder sie für die Heilung von Hysterikern braucht. Aufschluß darüber gibt erst seine Parteizugehörigkeit.

Denn die politischen Parteien kennzeichnen sich bewußt präzise, damit der Wähler weiß, wo er bei dieser und jener Partei dran ist. Bei der Christlich-Demokratischen Union (CDU) zum Beispiel steht das Christliche an erster Stelle. Das ist so eindeutig, wie völlig klar ist, daß das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE) seinen Haushaltsstrom im Rheinischen verkauft und nicht etwa in Bayern.

Stellt also ein Professor seine Bildung einer christlichen Partei zur Verfügung, wie es der Professor Carstens als Fraktionsvorsitzender der CDU tut, dann darf man gewiß sein: Das ist ein gebildeter Mann mit christlicher Überzeugung.

Und dann geht er hin und sagt, man solle die Untersuchungshäftlinge ruhig verhungern lassen, wenn sie nicht essen wollen.

Endlich wissen wir, was christlich ist. Christlich ist es, wenn einem das ungeborene Leben heilig ist, man aber nichts dagegen hat, wenn sich jemand umbringt. Ein Spar-Christ, der Herr Professor Carstens. Zuviel Christliches, wird er sich sagen, ist Verschwendung.