Nur mit einem Literaturpreis ausgezeichnete Bücher lassen sich gut verkaufen

Adios schlug die Konkurrenz um Längen – nicht bei einer Segelregatta oder beim Pferderennen, sondern beim Wettlauf um den ersten bedeutenden Literaturpreis der Saison. Frankreichs Sprach- und Literaturpäpste, die Unsterblichen der Académie Française, verteilten ihren Lorbeer an den Schriftsteller Kleber Haedens. Die Auszeichnung für den Roman Adios war aber kein Abschied von der literarischen Saison, sondern das Startzeichen für eine wahre Flut von Preisen und damit für das Buchgeschäft der nächsten Monate.

In Frankreich gibt es mehr Literaturpreise als Käsesorten: schätzungsweise 2000. Aber nur etwa 400 dieser mehr oder weniger großzügig dotierten Auszeichnungen werden halbwegs ernstgenommen, und ein halbes Dutzend verhilft den preisgekrönten Autoren zu einer hohen Auflage – und damit häufig genug zum Geschäft ihres Lebens. Ein großer Literaturpreis gilt für französische Leser als Gütesiegel und katapultiert den hochgelobten Titel mit großer Wahrscheinlichkeit in die Bestsellerlisten.

Kleber Haedens zum Beispiel konnte von der Jury einen Scheck über 25 000 Francs entgegennehmen. Doch mindestens genausoviel dürfte ihm die bloße Tatsache einbringen, Laureat der Academie zu sein. Meinungsumfragen haben eindeutig gezeigt, daß viele Franzosen ihre Lektüre nach den Literaturpreisen ausrichten. Haedens, selbst Jury-Mitglied eines angesehenen Preises, kommentierte den Werbeeffekt sehr nüchtern: "Ich mag Literaturpreise nicht, weil sie die Chancen nicht preisgekrönter Bücher beim Publikum töten."

Bezeichnenderweise werden nicht die bestdotierten Auszeichnungen als "große Literaturpreise" bezeichnet, sondern die auflagefördernden. Beim Goncourt, dem bedeutendsten, erhält der auserwählte Autor nur lumpige 50 Francs. Doch erfahrungsgemäß liegt die verkaufte Auflage eines "Goncourt" zwischen 200 000 und 400 000 Exemplaren.

Das ist natürlich auch für die Verlagsbilanzen interessant. Deshalb bemühen sich die Verlagshäuser oft, preisverdächtige Autoren rechtzeitig unter Vertrag zu nehmen. Häufig sagt man auch mancher Jury nach, ihre Mitglieder würden mit Vorliebe für Bücher stimmen, die im selben Verlag wie ihre eigenen Werke erscheinen.

Die ganz Großen der Branche sind es auch, die in der Regel die renommierten Preise kassieren. So zeigten die Goncourt-Juroren bisher eine eindeutige Präferenz für das Verlagshaus Gallimard, das bis 1970 zum Branchenführer Hachette gehörte. Das gleiche gilt für die Femina-Jury, die sich ausschließlich aus Frauen zusammensetzt.