Von Harald Steffahn

Die einen überwintern am Kongo, die anderen bei Karstadt. Jene tun es freiwillig, diese unter Zwang. Denn sie sind auf dem Flug in den Süden in Italien gefangen und nach Deutschland exportiert worden, wo sie verkauft werden. Ein Hänfling etwa ist in dem großen Warenhaus – es steht hier nur als Beispiel für ungezählte Zoohandlungen – für 18 Mark zu haben. Der Erlenzeisig hat den gleichen Preis. Für einen Kernbeißer muß man dreißig Mark zahlen.

Daß viele unserer heimischen Singvögel statt im Frühjahr schon im Herbst zurückkommen, per Eisenbahn angeliefert, ist ebensowenig neu wie das, was dahintersteht: die Vogeljagd in Italien. Neu ist hingegen, daß sich dagegen die Vogelschützer jetzt international solidarisieren. Denn es wird erkennbar, daß Massenvernichtung und Massenfang zu radikalem Rückgang ganzer Vogelarten in unseren Breiten führt.

Als in Italien am 25. August die Jagdsaison begann (die längste Europas), rüsteten die Zugvögel gerade zum Abflug. Auf sie warteten 1,8 Millionen lizenzierte Jäger – mehr, als die Nato in Europa Soldaten unter Waffen hat – und mindestens 400 000 Wilderer.

Wer dem Feuerschlund dieser Armada entging, den Nylonnetzen, Steinfallen, Bogenschlingen, Fangeisen, Falltüren entrann, muß bei der Heimkehr im Frühjahr noch einmal die gleiche Prüfung bestehen. Die Turiner Zeitung La Stampa schätzt, daß zu dem Zeitpunkt 150 Millionen Vögel abgeschossen oder gefangen sein werden. Die Sachkenner nördlich der Alpen sind übereinstimmend der Ansicht, daß der jährliche Verlust höher liegt und bis zu 250 Millionen reicht.

Da diese Federknäule oft nicht mehr als fünf Gramm wiegen, gehören zwei Dutzend allein zu einer Mahlzeit. Für ein Kilogramm Rotkehlchen zahlt man derzeit 3000 Lire (etwa zwölf Mark). So selbstverständlich gilt der Mehrzahl der Italiener dieses Fleischgericht, daß sogar der ADAC in seiner Broschüre "Wir gehen essen in Italien" Amseln und Lerchen gegrillt empfiehlt.

Am schlimmsten sind die Tiere dran, die dazu präpariert werden, ihre Artgenossen anzulocken. Nicht aus barbarischer Vergangenheit, sondern aus einem Lehrbuch von Amadeo Giacomini vom Jahre 1969, erschienen in Mailand, stammt diese Anweisung: "Wenn nun die kleinen Finken gewachsen sind, besteht die vollendete Kunst der Abrichtung darin, sie zu blenden. Das geschieht, indem man den Vogel eine Zeitlang dunkel hält und dann an die dadurch erweiterten Pupillen eine rotglühende eiserne Klinge (Messer oder Rasierklinge) hält, die den Augapfel sofort austrocknen läßt. Daß der Vogel das Augenlicht verliert, merkt er erst bei vollendeter Tatsache."