Von Peter Härtling

Was, frage ich mich, ist ein "Volksschriftsteller", in einem Buch von und über Oskar Maria Graf lesend, das "Beschreibung eines Volksschriftstellers" heißt –

"Oskar Maria Graf – Beschreibung eines Volksschriftstellers", herausgegeben von Wolfgang Dietz und Helmut F. Pfanner; Verlag Annedore Leber, München, 1974; 224 S., 22,– DM.

Ist es einer, der volkstümlich schreibt oder der aus "dem Volke" kommt? Einer, der wissentlich provinziell geblieben ist oder der Provinz zu beschreiben sucht? Wird jemand Volksschriftsteller, wenn seine Bücher Volksauflagen erreichen oder in Volksausgaben erscheinen? Ist deshalb Heinrich Böll ein Volksschriftsteller? Ich erlaube mir, Zweifel zu haben. Oskar Maria Graf, von dem hier die Rede sein soll, war es nicht. Die Charakterisierung "Volksschriftsteller" ist ungenau, meint zuviel und trifft zuwenig. Graf war ein Schriftsteller, ein guter dazu, der leider weithin unbekannt geblieben ist. Er selbst hatte sich, allerdings nicht ohne Sarkasmus, "Provinzschriftsteller" genannt. Um das zu unterstreichen, trug er in allerfeinster Gesellschaft, im In- und Ausland, daheim und später im Exil, Lederhosen und Trachtenwams. Daß er mehr vom "Volk" wußte, daß er in seiner Kindheit und Jugend Armut, Unwissenheit und Unterdrückung erfahren hatte, kann man in seinen Büchern nachlesen. In ihnen erzählt er oft von sich selbst und seiner Familie, von Tagelöhnern, Kleinbauern, Arbeitern und Handwerkern.

Autoren mit proletarischer Herkunft sind für die linke Literaturwissenschaft zu Modeartikeln geworden. Es wird in der Geschichte der Arbeiterliteratur gekramt, Wichtiges und Unwichtiges gleichermaßen gesammelt und intellektuell aufbereitet. Graf ist von dieser Gruppe, soviel ich weiß, kaum gewürdigt worden. Er widersetzt sich freilich auch der Etikettierung: ein Sozialist, der sich kaum einer Partei verpflichtete, sich aber für seine Klasse parteiisch machte, ein Linker, der gelassen vom lieben Gott reden konnte, dem es zeitlebens nicht gelang, die Ideologie mit seiner Erfahrung zu verbünden, der nie in einer Reihe mitmarschierte, lieber neugierig aus der Reihe tanzte, dem parteiliches Wohlverhalten ganz und gar fremd war.

Berühmt wurde er nicht durch ein Buch, sondern durch einen Protest. Der führte dazu, daß er, schon 1933, von den Nazis ausgebürgert wurde. In Wien las Graf die Liste der verfemten und verbrannten Bücher und fand die seinen nicht darunter. Aufgebracht veröffentlichte er am 12. 5. 1933 in der-Wiener "Arbeiterzeitung" einen Aufruf unter dem Titel: "Verbrennt mich!" "Vergebens frage ich mich, womit habe ich diese Schmach verdient?" Der Mann aus dem bayerischen Hinterland, dessen Autobiographie "Wir sind Gefangene" Maxim Gorkij und Thomas Mann bewundert hatten, solidarisierte sich mit den geschmähten Intellektuellen. Das war für ihn selbstverständlich. Er taktierte nicht, er handelte. In dem Band von Dietz und Pfanner sind einige politische Aufsätze Grafs nachzulesen, in denen seine Ansicht vom Sozialismus deutlich wird. Es ist ein Sozialismus des konstanten, nicht ideologischen Handelns. Eine Lehre von der Brüderlichkeit. Er schreibt: "Die Welt... ist die Frage und der Mensch ist die Antwort Das "Wie" der Antwort war ihm wichtig. Es durfte kein theoretisches "Wie" sein, sondern ein praktisches.

So blieb er in der Politik ein parteiischer Einzelgänger und in der Literatur eine Randerscheinung. Zwar erschienen nach dem Krieg fast alle seine wichtigen Bücher wieder, aber Kritik und Literaturwissenschaft übersahen ihn mehr oder weniger. Die Literaturhistoriker, die sich in dem Band von Dietz und Pfanner äußern, weisen immer wieder darauf hin, daß es an der Zeit sei, "das Werk von Oskar Maria Graf ernst zu nehmen" (Peter Fischer). Dazu gehört, als Antwort auf die Unbefangenheit des Autors, eine Unbefangenheit im Lesen. Denn Graf war kein artistischer Erzähler; er berichtete von dem, was er kannte, und das ohne Tricks, ohne Verschleierungen.