Von Gabriele Venzky

Der Marsch in die Universalität hat unserem Zeitalter seinen Stempel aufgedrückt. Das wird ganz klar durch die Anerkennung der Tatsache, daß die verschiedenen Rassen, Nationen und Staatswesen gleich sind." Der neugewählte Präsident der UN-Vollversammlung machte seine Reverenz vor den Prinzipien der Vereinten Nationen – mehr als eine Reminiszenz blieb nicht übrig. Denn sogleich machte sich Algeriens Außenminister Abdelaziz Bouteflika daran, Gleichheit und Universalität mit der eigenen politischen Elle zu messen. Er betrachtet seinen neuen Posten als die große Chance, die weitgesteckten Ziele der algerischen Außenpolitik zu verwirklichen: Die Führung der unorganisierten "blockfreien" Entwicklungsländer zu übernehmen und mit Hilfe der Massen die Machtverhältnisse in der Welt zu verändern.

Die afro-asiatische Mehrheit unter den 138 Mitgliedsnationen macht die Vereinten Nationen zum willfährigen Vehikel derartiger Wünsche. Bouteflika: "Wir haben den Imperialismus gezwungen, den Rückzug anzutreten – nun geht es darum, zur Tat zu schreiten." Mit anderen Worten: Arabisches Öl soll der afro-asiatischen Majorität die Antriebsenergie liefern, die neugewonnene wirtschaftliche Macht soll der Dritten Welt zur politischen Macht verhelfen. Als Steigbügelhalter sind die zahlreichen Habenichtse der Vierten Welt gut genug.

Bouteflika mahnt zwar in seinem heiseren, makellosen Französisch, "daß eine Einheitsfront der Entwicklungsländer die Hauptbedingung für den Erfolg unserer Zielsetzungen und für die Durchsetzung unserer Rechte ist"; er erinnert auch daran, daß "die Ausbeutung durch den modernen Kapitalismus" die Gegensätze in der Welt verschärft hat und daß es jetzt darauf ankommt, "die Ungleichheiten, die durch den Reichtum einiger weniger und durch die Armut der Mehrheit" entstanden sind, abzubauen. Aber bisher haben weder Algerien noch seine arabischen Bruderstaaten der "Vierten Welt" eine Chance gegeben, ihre Rückständigkeit aufzuholen. Ganz deutlich wurde dies auf der Welternährungskonferenz in Rom: Von den ehemaligen Kolonialmächten wurden "Reparationen" gefordert, die neureichen Ölstaaten dagegen mit zartfühlender Nachsichtigkeit behandelt.

Das Leitmotiv für Bouteflikas Politik lautet: Anti-Imperialismus, Anti-Rassismus und Anti-Zionismus. Wo solche Schlagworte herrschen, läßt sich leicht Regie führen. Der im September für ein Jahr gewählte Präsident der UN-Vollversammlung hat diese Erfahrung gemacht: Unter Mißachtung der UN-Charta und ihrer Regeln konnte er Yassir Arafat, dem "Oberkommandierenden der palästinensischen Revolution" einen triumphalen Empfang bereiten, wie er einem Staatsoberhaupt gebührt; er konnte Südafrika aus der Versammlung ausschließen, Israel das Recht auf freie Rede verwehren und Anfang dieser Woche – wegen Verletzung der Manschenrechte verurteilen lassen.

Mit der traditionellen Unparteilichkeit des Vollversammlungs-Präsidenten ist es vorbei. Aber damit ist der algerische Ehrgeiz noch nicht am Ziel. Präsident Houari Boumedienne möchte seinen Protegé ins höchste Amt der Weltorganisation katapultieren: Abdelaziz Bouteflika soll Nachfolger von UN-Generalsekretär Waldheim werden. Sein Ansehen in der Dritten und Vierten Welt soll ihm zum Sieg über den anderen Kandidaten verhelfen, der sich seit einem Jahr ebenfalls mit markigen Worten gegen die Industrienationen empfiehlt: dem mexikanischen Präsidenten Luis Echeverria.

Bis dahin, bis zum Ende des nächsten Jahres sammelt Abdelaziz Bouteflika Punkte. An Zielstrebigkeit wird es gewiß nicht mangeln; seine ganze bisherige Karriere ist das Modell eines unbeirrbaren, unaufhaltsamen Aufstiegs: Als 17jähriger Partisan bei der algerischen Befreiungsarmee ALN begann er, wurde mit 19 Jahren Offizier im Generalstab bei den "Großen" der algerischen Revolution, Belkacem, Medeghri und Boumedienne, als 23jähriger Kommandant der Südfront, als 24jähriger Verbindungsmann zwischen der algerischen Revolutionsarmee und dem in französischem Gefängnis festgehaltenen Revolutionsführer Ben Bella. 1962 wurde Bouteflika als Vertreter seiner Heimatstadt Tlemcen in die konstituierende Nationalversammlung gewählt, im September des gleichen Jahres zum Minister für Jugend, Sport und Touristik ernannt. 1963 wurde er der jüngste Außenminister der Welt, der Putsch Boumediennes 1965 sicherte ihm bis heute diesen Posten.