Von Theo Sommer

Buenos Aires, im Dezember

Nachts auf der Florida, der schicksten Einkaufsstraße der argentinischen Hauptstadt, herrscht ein Leben wie auf der Via Veneto. Flanierende Paare, elegante Läden, volle Restaurants: kein Zweifel, Argentinien ist ein Stück Europa. Nichts Afrikanisches wie in Brasilien, kein indianisches Gepräge wie in den nördlichen Andenstaaten. Dafür eine moderne Infrastruktur, ein Pro-Kopf-Einkommen, das die Republik zwischen Feuerland und Gran Chaco weit abhebt von der Masse ihrer südamerikanischen Nachbarn, ein Bildungswesen, das den Analphabetismus fast ausgerottet hat. Die Architektur der Metropole strahlt das Ebenmaß der Alten Welt aus. Der Gesichtsschnitt der Menschen erinnert an Toledo und Neapel.

An Spanien und Italien erinnert freilich auch jener Schuß Anarchismus, der dem Lande anderthalb Jahre nach der Wiedereinführung der Demokratie und ein knappes halbes Jahr nach dem Tode Juan Peróns zu schaffen macht. Seit die Señora Maria Estela Martinez de Perón, Witwe und Nachfolgerin des früheren Präsidenten, am 19. Juli dieses Jahres ihr Amt antrat, ist alle neunzehn Stunden ein politischer Mord registriert worden. Erst kam der Terror vor allem von links – von enttäuschten Peronisten, denen der Regierungskurs zu konservativ wurde, von Maoisten, Fidelisten, Trotzkisten, Anarchisten auch, denen sich Elemente aus der Unterwelt zugesellten. Dann folgte die Reaktion von Ultrarechts, die Leute fortschrittlich-sozialdemokratischer Färbung umbringt oder durch massive Bedrohung aus Argentinien hinausekelt.

Terror und Gegenterror aber werfen die Frage nach der Regierbarkeit des Landes auf. Hat die argentinische Demokratie eine Chance – nach einem Jahrzehnt quasi-faschistischen Peronismus (1946 bis 1955), nach unsicheren und vergeblichen Gehversuchen der Politiker (1955 bis 1963), nach einer katastrophalen Generalsherrschaft (1963 bis 1973)? Kann das, was sich unter Isabelita, der zweiten Frau des toten Líder, herauszubilden beginnt, überhaupt eine Demokratie werden?

Um Mitternacht ist im Trubel der Florida wenig vom Ernst der Situation zu spüren. Es ist wie im Paris der frühen sechziger Jahre: daß es Bombenanschläge gab, entnahm der Normalbürger meist erst den Zeitungsschlagzeilen. Die Aktionsfelder des Terrorismus sind auch in Argentinien relativ eng begrenzt. Das erklärt, weshalb ein peronistischer Pressemann sagen konnte: "Da und dort ein Toter, das bringt ein Land nicht um." Den Porteños beim nächtlichen Bummel mag dies auch ausreichenden Trost bieten. Die politische Klasse des Landes macht sich freilich immer größere Sorgen: nicht nur wegen der tatsächlichen Dimensionen des Terrorproblems, sondern wegen der möglichen politischen Folgen.

Hinter der linken Violencia, der organisierten Gewalttätigkeit, stecken zwei verschiedene Gruppen: die Montoneros, nostalgische Linksperonisten mit einer Massenbasis aus legalen Zeiten, und die marxistische Volksrevolutionäre Armee (ERP). Ein General hat jüngst in einem Zeitschriftenaufsatz von 200 000 Terroristen gesprochen. Der Generalstabschef Luis Bern meint dazu, sein Kamerad habe da übertrieben, der Aufsatz sei wohl mehr eine Apologie für die bisherige Erfolglosigkeit der Staatsorgane. Aber auch 2000 oder 3000 entschlossene Guerilleros – und das ist die allgemein akzeptierte Zahl – können einen Staat ins Chaos stürzen.