Von Gottfried Sello

Kunst um 1800: mit Johann Heinrich Füßli geht der Zyklus weiter, den Werner Hofmann in der Hamburger Kunsthalle inszeniert. Füßli nach Caspar David Friedrich, der Szenenwechsel ist kraß, provokant für ein Publikum, das sich eben noch an einem Lieblingsmaler delektierte und nun mit dem total anderen konfrontiert wird. Aber der Schockeffekt, den das Werk von Füßli auf den heutigen Betrachter ausübt, entspricht durchaus dem dramaturgischen Konzept, das dem Zyklus zugrunde liegt. Es will die Widersprüchlichkeit einer Epoche akzentuieren, es will extreme Positionen aufzeigen. Füßli und Friedrich sind auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Daß die Besucher nach Füßli Schlange stehen werden, wie sie es bei Friedrich getan haben, ist ziemlich unwahrscheinlich. Füßli war ein zu seiner Zeit berühmter Mann, dem, als er 1825 starb, ein Staatsbegräbnis in der Londoner Saint Paul’s Cathedral und ehrende Nachrufe in der Weltpresse zuteil wurden. Aber volkstümlich ist er nie gewesen. Sein Monograph Gert Schiff, dem wir die heutige Füßli-Renaissance entscheidend zu verdanken haben, bescheinigt ihm "kulturellen Elitismus", der nicht etwa einem unterentwickelten Demokratieverständnis entspringt, sondern seiner unglaublichen Gelehrsamkeit, die einer Wirkung in die Breite von vornherein Grenzen setzt.

Er selber wäre nie auf die Idee gekommen, eine große Öffentlichkeit erreichen zu wollen: Füßli ist ein Intellektueller, der für Intellektuelle arbeitet. Er hat lange zwischen der Literatur und der Malerei geschwankt, und diese Unentschlossenheit wird man als den signifikanten Zug seiner geistigen Biographie ansehen müssen. Er hat Gedichte und Aphorismen geschrieben, und seine literarische Produktion ist durchaus ernst zu nehmen. Er stand im Kontakt mit vielen Dichtern und Schriftstellern der Epoche, er hat für seinen Freund Klopstock eine Ode geschrieben, als Meta Klopstock gestorben war. Schließlich hat sich Füßli dann doch für die Malerei entschieden, Joshua Raynolds soll den immer noch Zögernden dazu bestimmt haben. Aber diese Entscheidung war alles andere als eine definitive Absage an die Literatur. Nicht nur hat Füßli auch weiterhin Gedichte geschrieben. Er hat ausschließlich und in einer Weise, die in der Kunstgeschichte ohne Vergleich ist, Literatur gemalt. Füßli, der universal Gebildete, kann den zweifelhaften Ruhm für sich in Anspruch nehmen, daß er sich als Künstler damit begnügt hat, Literatur in Malerei zu übersetzen.

Die Hamburger Ausstellung zeigt die literarische Dominante seiner Kunst in einer für unvorbereitete Besucher erschreckenden Deutlichkeit. Sie umfaßt 58 Gemälde und 140 Zeichnungen, die größte Füßli-Ausstellung, die es in Deutschland gegeben hat (sie wird von der Tate Gallery übernommen und wird auch noch im Petit Palais in Paris zu sehen sein). Ob Bilder oder Zeichnungen, es handelt sich unter inhaltlichem Aspekt immer nur um Illustrationen zur Weltliteratur, zu Homer, Dante, Shakespeare, Milton, zu den Nibelungen, zur Bibel. Das Material ist thematisch aufbereitet. Aber selbst Kenner der literarischen Stoffe werden Mühe haben, die Vorlagen für die Bilder, die einzelnen Szenen zu bestimmen. Man kann die Ausstellung als ein literarisches Quiz betrachten: Wirft sich Kriemhild über die Leiche Siegfrieds oder Psyche über den schlafenden Amor? Ist Perseus gemeint, der auf die Graien einstürmt, oder der Herzog von York? Das Spiel ist ermüdend, und erst wenn der Betrachter es aufgegeben hat, wird ihm klar, daß es unwichtig ist, die Personen und Szenen zu identifizieren.

Füßli ist ein Illustrator von zweifelhafter Qualität. Ihm ist es nicht im geringsten darum zu tun, den Intentionen des Autors gerecht zu werden, den Geist der literarischen Vorlage ins Bild zu bringen. Ob Shakespeare oder Homer oder die Bibel: Füßli unterwirft sie selbstherrlich seinen Vorstellungen, er macht die Figuren der Literatur und der Mythologie zum Instrument eigener Emotionen und Obsessionen.

Damit gewinnt literarische Malerei eine andere Dimension. Füßli arbeitet gewissermaßen "nach der Literatur", wie andere Künstler "nach der Natur" arbeiten. Man kann seine Kunst als eine Apotheose des Literarischen verstehen. Sie proklamiert die totale Gleichwertigkeit von Literatur und Realität. Für Füßli, diesen vorbildlichen Leser, bedeuten Literatur und Lektüre eine ständige Offerte zur Selbstidentifikation. Insofern ist es möglich, aus seinen Bildern, aus den Figuren, die ihm als Rollenträger dienen, aus seiner Vorliebe für jede Art von Exaltation psychologische Rückschlüsse zu ziehen. Gert Schiff, der Füßli-Experte, liefert im Katalog der Hamburger Ausstellung einen exzellenten Deutungsversuch, in dem das Werk des "wilden Schweizers" sexualpathologisch analysiert und dechiffriert wird.