Das große Zittern der Schönwetterdemokraten vor Sartre: Ein Philosoph ist kein Staatsanwalt

Ja wo sind wir denn? Beschämend, mitanzusehen, wie man sich ("Panorama") entschuldigen zu müssen glaubt, wenn man einen der großen Denker des Jahrhunderts, Jean-Paul Sartre, vor Kamera und Mikrophon holt, nur weil der französische Philosoph in dieser Woche Andreas Baader besuchen will. Selbst die bisher als liberal geschätzte "Stuttgarter Zeitung" ist sich nicht zu schade, in Anspielung auf Sartres Stück "Die schmutzigen Hände", auf der ersten Seite eine Karikatur zu bringen: Sartre, die Hände in die Brühe haltend, die aus einem Jauchefaß mit der Aufschrift BMB (Baader-Meinhof-Bande) kleckert. Und wenn sogar die "Süddeutsche Zeitung", unwidersprochen, doch unbewiesen, behauptet, Sartre sei "mit Freuden zur intellektuellen Aufwertung politisch verbrämten Terrors bereit" – was sollen wir da noch die berüchtigten Schlagzeilen der einschlägig bekannten Gazetten aus dem gewissen Konzern anführen.

Ein französischer Philosoph, Linksintellektueller von Graden, der "La Cause du Peuple", die Sache des Volkes, wie er sie versteht, zu seiner Sache macht, will einen schwerer Verbrechen angeklagten Untersuchungsgefangenen besuchen – und kaum jemand macht sich die Mühe, mit dem Mann zu argumentieren, der nie von seiner These abgerückt ist, daß der Existentialismus, den er vertritt, ein Humanismus sei. Nie hat Sartre Terror gepredigt. Daß er in seinen Zukunftserwartungen davon ausgeht – im "Spiegel"-Interview dieser Woche wählt der atheistische Philosoph das Wort "ich glaube" –, die Ablösung der bürgerlichen Mächte werde "gewalttätig" sein, muß jedem Menschen, auch Sartre, zu denken und, solange wir in einem die Freiheit der Rede garantierenden Rechtsstaat leben, auch auszusprechen erlaubt sein. Was aber geschieht? Publizisten und Publikum befällt das große Zittern.

Ihr seid mir schöne Schönwetterdemokraten! So hätte man’s gern: den Schriftsteller, der den Nobelpreis für Literatur ausgeschlagen hat, hinten, im Feuilleton, loben, aber vorn, in der Politik, als Tribun des Terrors denunzieren und mit Dreck bewerfen. Wie im Fall des Philosophen Jean Améry, dessen Antwort: "Nicht aufgeben!" auf eine provozierende Frage im "Frühschoppen" mißdeutet und Anlaß zu Versuchen politischer Repression wurde, obwohl der – als Gegner von Terror bekannte – Autor, der Einzelzelle und Hunger kennt, damit nur den Hungerstreik als "äußerste Waffe ohnmächtiger Inhaftierter", als "Haltung und letzten Halt" gemeint hat, ist daran zu erinnern, daß ein Philosoph kein Staatsanwalt ist. Haben Innenminister und Staatsanwälte die Pflicht, Verbrecher zu verfolgen und den Rechtsstaat zu verteidigen, so haben Philosophen das Recht und die Pflicht zu dem, was Böll in diesem Zusammenhang "radikale Nachdenklichkeit" genannt hat – so verteidigen sie den Rechtsstaat.

Unwürdig, daß jeder, der die Rechte des Rechtsstaates auch für Angeklagte fordert, erst Lippenbekenntnisse gegen den Terror in jeder Form ablegen muß; das versteht sich, auch in der Atmosphäre geschürter Hysterie, von selbst. Nicht Sprachregelungen brauchen wir, sondern Einsicht in die gedanklichen Voraussetzungen des Wahnsystems, in dem die Terroristen leben. Könnten nicht Philosophen wie Sartre dabei helfen? Wer nicht bereit ist, diese Arbeit nachzuvollziehen, wer Sanktionen verlangt, die Freiheiten des Rechtsstaates beschränken, betreibt das Geschäft der Terroristen.

Rolf Michaelis