Von Rainer Frenkel

Ganze vier Tage lang konnte die Dresdner Bank ihr Geheimnis hüten. Dann kapitulierte sie vor dem Druck der Öffentlichkeit, gab preis, wer sich in der Bundesrepublik feinstes Unternehmen, die Stuttgarter Daimler-Benz AG, eingekauft hat: die Regierung des kleinen Öl-Scheichtums Kuwait.

Sie hat für einen Preis, der bei einer Milliarde Mark liegen dürfte, aus dem Besitz der Familien Quandt etwa 14 Prozent des Daimler-Benz-Aktienkapitals erworben. Ihre Absicht ist, wie von der Dresdner Bank, die die Anteile treuhänderisch verwaltet, erklärt wird: eine langfristige Anlage der so reichlich fließenden Ölgelder.

Daß die Kuwaitis ausgerechnet bei Daimler Zugriffen, ist nur vordergründig eine Folge des Umstands, daß Quandt seit längerem das Daimler-Paket zu versilbern suchte (siehe Kasten). Entscheidend war, daß Daimler-Benz auch langfristig eine gute Adresse ist/Schließlich hat das Suttgarter Management gerade im Autokrisenjahr 1974 beweisen können, wie gut fundiert das Unternehmen in jeder Beziehung ist. Während alle anderen deutschen Personenwagen-Hersteller, wie die meisten ihrer europäischen, amerikanischen oder japanischen Konkurrenten, die Produktion mangels Kunden drastisch einschränken mußten, kamen die Stuttgarter bis heute ohne Kürzungen aus. Während die Autoindustrie weltweit nicht fragt, ob mit Verlusten gearbeitet wird, sondern nur, wie hoch diese wohl ausfallen, weiß jeder, daß Daimler-Benz auch in diesem Jahr mit einem – wenn auch geschmälerten – Gewinn rechnen kann. Daimler-Aktionäre, unter ihnen nun Kuwait, werden für 1974 eine ansehnliche Dividende erhalten, vermutlich wieder, wie vor einem Jahr, 18 Prozent.

Daran, daß Daimler-Benz noch relativ gut beschäftigt ist, haben traditionell umfangreiche Geschäfte mit den Ölländern des Mittleren und Nahen Ostens einen gewichtigen Anteil. Die Umsätze mit diesen Partnern dürften 1974 Milliardenhöhe erreichen. Das wäre weit mehr als ein Sechstel aller Exporte der deutschen Daimler-Gesellschaften. Gefragt sind neben Luxuskarossen vor allem Nutzfahrzeuge, also Lastwagen und Omnibusse. Hauptkunde ist hier der Iran, wo im vergangenen Jahr 232 Millionen Mark erlöst wurden.

Dabei geht das Daimler-Engagement in den reichen Ölländern weit über reine Handelsbeziehungen hinaus: Im Iran sind die Stuttgarter mit 30 Prozent, ihre beiden Importeure mit jeweils 22,5 Prozent an einer Dieselmotorenfabrik beteiligt. Dort werden jährlich bis zu 12 000 Motoren für die beiden von den Importeuren gehaltenen Lkw- und Bus-Montagewerke produziert. In Saudi-Arabien wird im nächsten Jahr mit Daimlerbeteiligung eine Lkw-Montage für 5000 Fahrzeuge hochgezogen.

Diese langjährigen Beziehungen erleichtern es den Daimler-Leuten, die sich mit offiziellen Kommentaren begreiflicherweise zurückhalten, den neuen Großaktionär zuversichtlich zu erwarten. Ist es doch die erklärte, über die Dresdner Bank nun wieder neu artikulierte Politik des kleinen Landes Kuwait, für das Geld stille Anlagen zu suchen, also die Geschäftspolitik der Unternehmen, in die sich die Regierung engagiert, nicht anzutasten. Das geht sogar so weit, daß Vorstand Wolfgang Roeller von der Dresdner Bank schon erklären konnte, Kuwait werde nicht selbst Mitglieder in den Daimler-Aufsichtsrat schicken, sondern sich auch da von der Treuhänderin vertreten lassen.