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Schon Alexander von Humboldt zählte Passau "zu den sieben schönsten Städten der Welt"

Von Ulrich Schmidt

Wenn der Teufel einst die Welt verschlingen sollte – nach Passau kommt er sicher ganz zuletzt. Denn erstens ist der Zusammenfluß von Donau, Inn und Ilz landschaftlich ein gottbegnadeter Fleck, und zweitens hat sich hier die römisch-katholische Kirche so unumstößlich eingenistet, daß den Passauern gar nichts anderes übrig bleibt, als ein gottgefälliges Leben zu führen.

Der Fremde bekommt das vorteilhaft zu spüren. Ohne Angst vor Rauf- und Saufbolden kann er am Abend durch die nur dürftig beleuchtete Altstadt bummeln, kann um so besser die Poesie der halbdunklen Gassen, der im Mondlicht schimmernden Fassaden wahrnehmen. Er kann mit den Menschen reden, sogar mit den jungen Leuten. Denn die hocken hier nicht in verqualmten Beatlärmbuden, sondern gesellig in alten behaglichen Café-Gewölben.

Sie haben Zeit füreinander und freuen sich über jedes neue Gesicht. "Wollen Sie mittanzen?" fragen sie den Fremden, wenn er ihren Volkstänzen zuschaut während des Übungsabends, wo sie beim Klang der Quetschkommode den Knödeldrahner und den Haxnschmeißer probieren. "Singen Sie doch mit!" flüstern sie ihm zu und reichen ihm ein Notenblatt, wenn er im Dom während der Sonntagsmesse zum Chor hinaufgeschlichen ist, um die Orgel in Aktion zu erleben, denn sie ist die größte der Welt.

Passau ist ein Musterbeispiel für die Tatsache, daß die Landschaft ihre Bewohner formt, deren Bauwerke mitgestaltet, deren Leben mitbestimmt. Einzigartig ist die Lage auf schmaler, felsig gewölbter Halbinsel im Tal zwischen den Flüssen. Das erzeugt aufragende Architektur und insulares Gemeinschaftsgefühl.

Beim Streifzug durch die Gassen diesen Formkräften nachzuspüren, die kuriosen bis genialen Problemlösungen aufzudecken – das ist nirgendwo so amüsant wie in Passau, dem 2000jährigen Römernest Castra Batava. Die einschlägige Literatur begnügt sich wie üblich mit dem Aufzählen der Sternchen-Objekte: Dom, Domplatz, Residenzplatz, Treppenhaus der Neuen Residenz, Dreißflußeck, Rathaus, Veste Oberhaus mit Stadtblick und Museum, Wallfahrtkirche Mariahilf, Jesuitenkolleg mit Michaelskirche, Scheiblingturm, Burg Niederhaus. Dies alles ist sehenswert, doch den eigentlichen Reiz macht das Zueinander der Objekte aus, um nicht zu sagen: das In- und Übereinander.

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Der Weg vom Innufer hinauf zum Residenzplatz beispielsweise ist eine schmale, von dicken Palazzomauern gebildete Felsschlucht mit einem Gletscherloch am unteren Ausgang. Ähnlich naturhaft wirkt der labyrinthisch enge Durchgang zwischen dem Dom und der Alten Residenz. Geradeaus versperrt der Domturm den Weg, scheinbar zumindest, ein Tunnel führt durch ihn hindurch in die Freiheit des Domplatzes. Nach links hingegen tastet man sich durch niedrige Gewölbe und steht plötzlich in einem steilen Hof, sieben Geschosse hoch, und staunt die Fassade an, denn in der Wand steht eine andere Wand, ein freigelegtes Stück Kirche, gotisches Chorgemäuer, zerklüftet wie Urgestein, eingefaßt mit riesigem Fensterbogen. Stadtchronik als Sgraffito-Monument.

Die Natur hilft

Einen ganzen Tag lang Stadtwandern! Keine Gasse läuft auch nur zehn Meter weit in gerader Linie oder gleicher Breite, kein Haus gleicht dem andern. Dicke Mauern haben sie alle, und einige sind von Adel, wie in Florenz, nur eine Nummer kleiner. Und am Nachmittag, wenn der Dunst aus dem Tal gewichen ist, das Ganze von oben, vom steilen Oberhauser Burgberg aus gesehen. Hier mag Alexander von Humboldt gestanden haben, als er sagte oder gesagt haben soll, aber wenn es nicht stimmt, so ist es doch wahr: "Passau gehört zu den sieben schönsten Städten der Welt." Selbstironisch ergänzte kürzlich der Erbauer der neuen, durchaus unpassauisch geradlinigen Donaubrücke: "... aber nicht mehr lange!" Vielleicht doch noch sehr lange! Die Ufer und die Berghänge haben der Stadt unabänderliche Grenzen gezogen. Nichts kann der Vollkommenheit schaden. Was da an Betonsiedlungen hinzuwächst, liegt jenseits der Hügel und bleibt dem Betrachter verborgen. Die Natur macht es dieser Stadt leicht, sich im Altbewährten zu behaupten.

Aber die Stadtväter tun auch ihr Teil. Die Autos werden langsam hinausgedrückt. Schon gibt es – ungewöhnlich für eine Stadt von nur 50 000 Einwohnern – eine kleine Fußgängerzone, und sie wird sich weiter ausdehnen.

Der große Verkehr führt draußen entlang, von Nordwesten nach Südosten, da ist Passau nur eine Unbedeutende Grenzstation in dem schnurgeraden Strang der 100-Kilometer-Etappen Frankfurt–Würzburg–Nürnberg–Regensburg –Passau–Linz. Die Welt fährt im Auto vorbei, die Züge halten mehr aus Pietät, der TEE Prinz Eugen, der Holland-Wien-Expreß, der Johann Strauß. Die Halbinsel bleibt unbehelligt.

Vor tausend Jahren allerdings hat die Formkraft der nach Osten weisenden Landspitze große Politik bewirkt. Bischof Piligrim, der "Bischof Pilgerin" des Nibelungenliedes, hat damals von Passau aus die Donauländer bis weit nach Ungarn hinein für das Christentum gewonnen. Der stolze Wiener Stephansdom ist, von der Gründung her gesehen, nur eine Tochterkirche des Stephansdoms von Passau. Ziemlich weit vorn an der Landspitze, in der Klosterkirche Niedernburg, wo die Nonnen zur Nacht im Dunkeln meditieren, liegt die Ungarnkönigin Gisela begraben, eine Zeitgenossin Piligrims. Frische Blumen und Kränze aus Budapest schmücken den Steinsarg.

Im Sommer verwandelt sich die stille Landspitze in einen Landeplatz von beinahe Weltformat. Kleinreeder aller Nationen werben dann um die Gunst des Passau-Urlaubers. Da gibt es die Dreiflüssefahrt, eine Art Stadtrundfahrt zu Wasser, und die etwas weiter ausholende, von Ungarn und Rumänen veranstaltete "Schleifenfahrt", 50 Kilometer stromabwärts mit Paprikaschnitzel, Plattenseer Riesling, Zigeunermusik und zollfreiem Einkauf. Da startet die Erste Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft für 35 Mark pro Nase jeden Morgen um sieben stromab und ist abends um acht in Wien. (Wer noch weiter will, den fahren sowjetische Schiffsleute siebzehn Tage lang die ganze Donau hinunter, übers Schwarze Meer bis Jalta auf der Krim und zurück, mit Landgang in Wien, Preßburg, Budapest, Belgrad, zu Preisen zwischen 1300 und 2300 Mark.)

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Apartes Alibi-Aroma

Wer aber nur nach Passau kommt, um Passau zu sehen, der ist an keine Jahreszeit gebunden. Die Stadt ist immer präsent, und in ihr läßt es sich jederzeit gut und billig leben. Sehr bekömmlich ist der Bärwurz, der Leib- und Magenschnaps dieser Gegend. Zumindest hat er ein apartes Alibi-Aroma: Sellerie. Sonstige Spezialitäten? Die so kernig klingende "Niederbayerische Bratwurstsuppe" schmeckt fast nach gar nichts. Der sogenannte Donau-Zander kommt wahrscheinlich gottlob nicht aus der schönen grauen Donau, wie die Kellnerin behauptet, sondern, wie der Koch versichert, tiefgekühlt aus Hamburg.

Arglos plaudert auch der "Schlemmeratlas" über das Hotel Zur Laube und seinen "herrlichen Blick über den Donaustrom, der auch die frischen Produkte für die ausgezeichneten Fischspezialitäten liefert".

Gegen den "herrlichen Blick" jedoch ist nichts zu sagen. Denn wie das Hotel Schloß Ort, das Gasthaus Zum Hirschen und einige Pensionen liegt auch die "Laube" im äußersten Landspitz an einem unbeachteten, nirgendwo erwähnten, zauberhaft intimen Platz, der eigentlich noch viel schöner ist als der vielgerühmte Residenzplatz. Der Grundriß ist dreieckig, in der Mitte steht unter einem Baum der heilige Nepomuk. Links und rechts hinaus blickt man wie von Bord eines Schiffes auf Inn und Donau, auf Burg- und Klosterhügel, und die Hauskanten zu beiden Seiten machen die Szenen zu vollkommenen Gemäldelandschaften.

Der Platz heißt kurz und bündig "Ort". Vielleicht bedeutet das: Zufluchtsort, Ort schlechthin, Ort aller Orte, heiliger Ort. Zumindest ist es ein idealer Urlaubs-Ort.

Informationen: Fremdenverkehrsverein Passau, 839 Passau, Nibelungenhalle, Telephon (08 51) 5 14 08; Fremdenverkehrsverband Ostbayern, 84 Regensburg, Richard-Wagner-Straße 10, Telephon (09 41) 5 71 86.