Der Weg vom Innufer hinauf zum Residenzplatz beispielsweise ist eine schmale, von dicken Palazzomauern gebildete Felsschlucht mit einem Gletscherloch am unteren Ausgang. Ähnlich naturhaft wirkt der labyrinthisch enge Durchgang zwischen dem Dom und der Alten Residenz. Geradeaus versperrt der Domturm den Weg, scheinbar zumindest, ein Tunnel führt durch ihn hindurch in die Freiheit des Domplatzes. Nach links hingegen tastet man sich durch niedrige Gewölbe und steht plötzlich in einem steilen Hof, sieben Geschosse hoch, und staunt die Fassade an, denn in der Wand steht eine andere Wand, ein freigelegtes Stück Kirche, gotisches Chorgemäuer, zerklüftet wie Urgestein, eingefaßt mit riesigem Fensterbogen. Stadtchronik als Sgraffito-Monument.

Die Natur hilft

Einen ganzen Tag lang Stadtwandern! Keine Gasse läuft auch nur zehn Meter weit in gerader Linie oder gleicher Breite, kein Haus gleicht dem andern. Dicke Mauern haben sie alle, und einige sind von Adel, wie in Florenz, nur eine Nummer kleiner. Und am Nachmittag, wenn der Dunst aus dem Tal gewichen ist, das Ganze von oben, vom steilen Oberhauser Burgberg aus gesehen. Hier mag Alexander von Humboldt gestanden haben, als er sagte oder gesagt haben soll, aber wenn es nicht stimmt, so ist es doch wahr: "Passau gehört zu den sieben schönsten Städten der Welt." Selbstironisch ergänzte kürzlich der Erbauer der neuen, durchaus unpassauisch geradlinigen Donaubrücke: "... aber nicht mehr lange!" Vielleicht doch noch sehr lange! Die Ufer und die Berghänge haben der Stadt unabänderliche Grenzen gezogen. Nichts kann der Vollkommenheit schaden. Was da an Betonsiedlungen hinzuwächst, liegt jenseits der Hügel und bleibt dem Betrachter verborgen. Die Natur macht es dieser Stadt leicht, sich im Altbewährten zu behaupten.

Aber die Stadtväter tun auch ihr Teil. Die Autos werden langsam hinausgedrückt. Schon gibt es – ungewöhnlich für eine Stadt von nur 50 000 Einwohnern – eine kleine Fußgängerzone, und sie wird sich weiter ausdehnen.

Der große Verkehr führt draußen entlang, von Nordwesten nach Südosten, da ist Passau nur eine Unbedeutende Grenzstation in dem schnurgeraden Strang der 100-Kilometer-Etappen Frankfurt–Würzburg–Nürnberg–Regensburg –Passau–Linz. Die Welt fährt im Auto vorbei, die Züge halten mehr aus Pietät, der TEE Prinz Eugen, der Holland-Wien-Expreß, der Johann Strauß. Die Halbinsel bleibt unbehelligt.

Vor tausend Jahren allerdings hat die Formkraft der nach Osten weisenden Landspitze große Politik bewirkt. Bischof Piligrim, der "Bischof Pilgerin" des Nibelungenliedes, hat damals von Passau aus die Donauländer bis weit nach Ungarn hinein für das Christentum gewonnen. Der stolze Wiener Stephansdom ist, von der Gründung her gesehen, nur eine Tochterkirche des Stephansdoms von Passau. Ziemlich weit vorn an der Landspitze, in der Klosterkirche Niedernburg, wo die Nonnen zur Nacht im Dunkeln meditieren, liegt die Ungarnkönigin Gisela begraben, eine Zeitgenossin Piligrims. Frische Blumen und Kränze aus Budapest schmücken den Steinsarg.

Im Sommer verwandelt sich die stille Landspitze in einen Landeplatz von beinahe Weltformat. Kleinreeder aller Nationen werben dann um die Gunst des Passau-Urlaubers. Da gibt es die Dreiflüssefahrt, eine Art Stadtrundfahrt zu Wasser, und die etwas weiter ausholende, von Ungarn und Rumänen veranstaltete "Schleifenfahrt", 50 Kilometer stromabwärts mit Paprikaschnitzel, Plattenseer Riesling, Zigeunermusik und zollfreiem Einkauf. Da startet die Erste Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft für 35 Mark pro Nase jeden Morgen um sieben stromab und ist abends um acht in Wien. (Wer noch weiter will, den fahren sowjetische Schiffsleute siebzehn Tage lang die ganze Donau hinunter, übers Schwarze Meer bis Jalta auf der Krim und zurück, mit Landgang in Wien, Preßburg, Budapest, Belgrad, zu Preisen zwischen 1300 und 2300 Mark.)