Paris, im Dezember

Mit Chloe hat es begonnen. Dieser Name sollte Leitstern der Karriere für Karl Lagerfeld werden. Vor zehn Jahren debütierte er in Paris mit zehn Modellen für das Haus Chloe. Die Zusammenarbeit mit Chloe entwickelte sich ideal. Die Umsätze des Hauses haben sich inzwischen versiebenfacht.

Karl, der Glücksjunge aus Hamburg, wuchs sorglos zwischen seltenen Antiquitäten auf. Mode für Damen zeichnete er schon, bevor er schreiben konnte, und seine Beobachtungsgabe zeigte sich zum erstenmal, als der Vierjährige während eines Ausflugs an Bord, lässig an die Knie seiner Mutter gelehnt, eine Dame betrachtend, mit heller Stimme verkündete: "Diese Dame ist viel zu jung angezogen!" Seine letzten Schuljahre verbrachte er in Paris. Eine Fachausbildung hat er nie erhalten, er gewann aber mit 16 Jahren den ersten Preis eines Ausschreibens des Internationalen Wollsekretariats.

Der junge Lagerfeld blieb in Paris und wurde zuerst vom Hause Balmain, später von Patou engagiert. Er langweilte sich dort fürchterlich, fühlte sich machtlos, rebellierte gegen den alten Zopf der Haute Couture, ihre konventionelle Sicherheit, wie gegen die dreifachen Anproben, denen sich die Kundinnen zu unterziehen haben. Er suchte neue Wege, um seine Ideen, die er von Anfang an systematisch wie ein Computer speicherte, zu verwirklichen. Schließlich schüttelte er die Scheuklappen der Haute Couture ab und begann als Designer und Stylist frei für verschiedene Firmen Kollektionen zu zeichnen. Auf diese Weise verkaufte er seinen Kunden einen neuen Trend, Modelle, die er bis zum ersten Auftritt überwachte, um sich dann schleunigst anderen Aufgaben zuzuwenden.

So wurde er Karl der Anonyme, dessen Name nie auf Etiketten auftauchte. Mit sicherem Gespür ahnte er, was seinen Auftraggebern fehlte, um Umsätze zu machen. Er wurde zum kreativen Designer, entwarf Richtkollektionen für die Farbwerke Hoechst, beeinflußte Farben und Dessins von Stoffherstellern, rückte unbekannte Modefirmen Europas plötzlich ins Rampenlicht, verwandelte Pelze, Ledermoden, Wäsche und Krawatten. Er kam, sah, korrigierte – und kassierte.

Erst mit "Chloe" und den Ateliers des Hauses, die sich vorbehaltlos mit Lagerfelds Vorstellungen identifizierten, wurde sein Talent zweimal jährlich sichtbar. Jetzt sind es 200 Modelle, die mit 22 Mannequins über den Laufsteg kommen. Immer waren die "Chloé"-Kollektionen zugleich verräterisch für die privaten Interessen von K. L. Das zeigte sich zum erstenmal in den sechziger Jahren, als das Aufspüren und Sammeln von Möbeln und Objekten aller Größen aus der "Art-Deco-Zeit" zur großen Leidenschaft geworden war. Sie führte so weit, daß Karl Lagerfeld rechtzeitig aufkaufte, was in Paris, London und aus der Bauhauszeit aufzutreiben war und sich zwischen 1925 bis in die frühen dreißiger Jahre datieren ließ.

Kennzeichen: Glatte, funktionelle Formen für Möbel aus Edelhölzern, Chrom, Leder, Lack, Glas und Metall sowie Sammelobjekte von Schmuck, Zigarettenetuis, Flakons, Plastiken, Bildern bis zu Originalmodellen aus der Zeit von Vionnet und Chanel. Schließlich lebte und wohnte Lagerfeld vollkommen in dieser Epoche, so daß Museumsdirektoren aus aller Welt anrückten, um sich zu überzeugen, daß hier, bis ins Badezimmer, eine Dekade lebendig geworden war, deren Modernität heute noch überzeugend ist. Sie auch in die Mode zurückzubringen, geschah 1969, als Karl Lagerfeld für Chloe Stoffe nach Art-Déco-Vorlagen entwarf.