"Ich, James McNeill Whistler", Roman von Lawrence Williams. Die längste Zeit seines Lebens war er umstritten, verhöhnt und verpönt. Als Whistler endlich zu Ehren kam, war es für James McNeill Whistler (1834–1903) zu spät, seine Lebenshaltung zu ändern. Er hatte nicht nur "Die artige Kunst, sich Feinde zu machen" publiziert, er hatte sie vor allem praktiziert. Der Schöpfer stimmiger Farbharmonien, der berühmten "Nocturnos", den bei nächtlichen Themsefahrten inspirierten Bildern, gefiel sich als Schmähredner und Verfasser von Invektiven. Mit Verachtung reagierte er auf die Mißachtung, die ihm widerfuhr. An sich und seiner Sendung ist er nicht irre geworden. Er lebte sein Künstlerleben und war sich der Besonderheit seiner Biographie bewußt. Die Autobiographie, mit der er verhindern wollte, "daß irgendein liederlicher Lügner törichte Wahrheiten" über ihn erzähle, blieb allerdings ungeschrieben. Von J. Pennel über D. C. Seitz bis zu E. G. Kennedy fanden sich jedoch Literaten, die Whistlers Lebensgeschichte aufschrieben – denn es zeigte sich, daß weniger seine Malerei als sein Leben die Schreiber inspirierte. Auch die von Lawrence Williams fingierte Autobiographie "Ich, James McNeill Whistler", 1972 in Amerika erschienen, enttäuscht Erwartungen auf eine kennerische Einführung in Whistlers Werk. Dennoch hat sich hier ein Schreiber eines Lebens angenommen, das dargestellt zu werden verdient. Am Beispiel der lange verhinderten Karriere Whistlers läßt sich manches über das Wesen von Kunst und Kritik studieren. (Aus dem Amerikanischen von Karl Berisch ; Rainer Wunderlich Verlag, Hermann Leins, Tübingen, 1974; 336 S., 29,80 DM.) Sabine Schultze