Von Matthias Meinhardt

Nürnberg

Am ersten Advent-Wochenende zeigte der Terminplan des Nürnberger Christkinds noch Lücken. Freitagnachmittag eine Stunde Dreharbeiten mit dem ZDF auf dem Hauptmarkt, anschließend Mikrophonprobe, danach Ankleiden und Schminken im Opernhaus, abends Firmenempfang. Am Samstag tagsüber Kinderbescherung im Kaufhaus, zwischendurch Begrüßung von Christkindlesmarkt-Besuchern aus der Schweiz. "Es kommt erst an den nächsten Wochenenden dicker", sagt das blonde Christkind, "da könnte ich von einer Bescherung zur anderen hetzen."

Vier Wochen im Jahr ist die 18jährige Bauzeichnerin Inge Eichenseer das gefragteste Mädchen in Nürnberg. Altenheime, Kindergärten und Vereine buchen das leibhaftige Christkind für ihre Weihnachtsfeiern, Kaufhäuser zu Werbeveranstaltungen. Im golddurchwirkten Kleid, ein lebendiger Rauschgoldengel mit Goldkrone auf den blonden Locken, beschert sie Waisenhauskinder auf dem Markt oder begrüßt Udo Jürgens, wenn er Weihnachtslieder vor der Frauenkirche singt. Als Sendbote vom "schönsten Weihnachtsmarkt der Welt" repräsentiert sie auf dem Frankfurter Weihnachtsbasar und auf der Essener Weihnachtsmesse, immer den Prolog des Nürnberger Christkinds auf den Lippen: "Ihr Herrn und Frau’n, die ihr einst Kinder wart..."

Als die Stadt Nürnberg das Amt im vorigen Jahr zum drittenmal für zwei Jahre ausschrieb, bewarb sich Inge Eichenseer am letztmöglichen Tag. Unter 47 Mitbewerberinnen wurde sie ausgewählt und als "Christkind mit der Kelle" gefeiert: Während sie sich abends mit ihrem weihnachtlichen Text vertraut machte, bereitete sie sich tagsüber mit Senkblei, Wasserwaage und Maurerkelle auf den Praktikumsabschluß als Bauzeichnerin vor. Ein nüchternes 18jähriges Mädchen mit eigenem Motorrad.

Für Inge ist es auch kein Widerspruch, wenn sie bei der festlichen Eröffnung des Christkindlesmarktes hoch oben auf dem Turm der Frauenkirche von den gleichen vorweihnachtlichen Gefühlen beschlichen wird wie die Menge tief unten an dem Marktplatz. Von hinten ganz profan mit einem dicken Tau gesichert, damit sie von dem engen Chorumfang des Kirchturms nicht gleich abstürzt, denkt sie trotz Novemberwetter und Lampenfieber "an die vielen Menschen, die dabei irgendwie an ihre Kindheit erinnert werden".

Warum strömen jährlich über eine Million Besucher zum Nürnberger Christkindlesmarkt? Es ist gewiß nicht die wohl einmalige Geruchsmischung aus Bratwurstdampf und gebrannten Mandeln, frischem Lebkuchen, Früchtebrot und Glühwein, die genüßlich in die Nase zieht; es ist auch nicht allein die Wohnstubenenge der braunen Bretterbuden auf dem Kopfsteinpflaster. Zum Markt gehört auch die Umgebung, in die er eingebettet ist; Frauenkirche, Rathaus, Schöner Brunnen, und weit oben die Burg. Dazu gehört auch die über 350jährige Geschichte dieser vorweihnachtlichen Verkaufsmesse, deren Ursprung im Dunkeln liegt, die um die Jahrhundertwende von einem Platz zum anderen immer weiter aus der Stadt hinausgeschoben wurde und schließlich sogar einmal im Saale stattfand, ehe sie vor fünfzig Jahren wieder an ihren ursprünglichen Standort zurückkehren durfte: Ein nostalgisches Relikt aus vergangenen Zeiten.