Paris will die Neuordnung der französischen Automobilindustrie finanzieren

Das große Wort fiel vor den Fernsehkameras. Staatspräsident Giscard d’Estaing versprach "Mittel in bisher unbekanntem Ausmaß", um der schwer angeschlagenen Personen- und Lastkraftwagenindustrie wieder auf die Beine zu helfen. Citroën bekommt ein Darlehen von einer Milliarde Francs, Renault erhält 450 Millionen Francs.

Doch Giscard will seine Hilfe nur unter bestimmten Bedingungen geben. Zuerst muß geklärt sein, unter welchen Konditionen Citroën, die Nummer zwei im französischen Automarkt, in die Hand des Konkurrenten Peugeot übergeht. Außerdem müssen sich die Lkw-Produzenten Berliet und Saviem über eine enge Kooperation geeinigt haben, bevor sie in den Genuß des Geldsegens kommen.

Es ist höchste Zeit, daß die Automobilbranche eine Pannenhilfe erhält. Denn den französischen Autobauern geht es nicht besser als ihrer europäischen Konkurrenz: Allein im vergangenen Oktober ging die Pkw-Nachfrage im Vergleich zum Oktober 1973 um zwanzig Prozent zurück. Darunter leiden vor allem Peugeot (Marktanteil 17,5 Prozent) und Citroën (Marktanteil 19 Prozent).

Citroën (Großaktionär: Reifenfabrikant François Michelin) hatte schon vor zwei Wochen die Entlassung von mindestens 2700 Mitarbeitern angekündigt, obwohl die Belegschaft seit Beginn des Jahres bereits um mindestens 6000 Arbeiter geschrumpft ist. Michelin-Manager rechnen für 1974 mit einem Verlust von 800 Millionen Francs. Der Zusammenbruch konnte bisher nur durch kurzfristige Bankschulden in Höhe von einer halben Milliarde Francs vermieden werden. Doch jetzt wollen die Banken das riskante Spiel nicht mehr mitmachen.

Schwindendes Interesse an Citroën zeigte in den letzten Wochen auch die Konkurrenzfirma Peugeot, die Michelin den kranken Autoriesen abkaufen soll. Im Juni war bereits die Auto-Hochzeit angekündigt worden, im November sollte sie gefeiert werden. Doch als Peugeot die leeren Citroen-Kassen sah, forderten sie eine staatliche Mitgift.

Peugeot ist ein gebranntes Kind. Denn vor zehn Jahren gab es schon einmal eine flüchtige Liaison mit Citroën, die im Krach gelöst wurde. Zudem hat Citroën eine Verbindung mit dem italienischen Autoriesen Fiat hinter sich; die Allianz Paris–Turin hatte auch mehr Streit als Erfolg gebracht und wurde im Juni 1973 sang- und klanglos geschieden.