Von David Martin

Addis Abeba, Anfang Dezember

Die Ermordung von 60 Politikern und Offizieren war wie ein betäubender Schock. Die Betäubung klingt allmählich ab, aber um so mehr wächst jetzt die Sorge, daß die düsteren Prophezeiungen, nach der Absetzung Halle Selassies werde sich das äthiopische Kaiserreich in Blut und Schrecken auflösen, tatsächlich wahr werden könnten.

Dabei hatten die Militärs zunächst besonnen und klug gehandelt. In den neun Monaten, seit sie begonnen hatten, dem 82jährigen Herrscher seine bis dahin unantastbare Machtfülle streitig zu machen, bis sie ihn schließlich, am 12 September, aus dem politischen Verkehr zogen und ihn verhafteten, spielten sie ihre Karten mit der kühlkalkulierenden Geschicklichkeit ausgepichter Pokerfüchse aus. Gewalttätigkeit wurde im allgemeinen vermieden. Den Bauern, jahrhundertelang in Knechtschaft gehalten und in Ehrfurcht dem Kaiser und dem Feudalherren ergeben, wurden langsam die Augen für die Mißstände des Regimes geöffnet. Die Versprechungen der Militärs – Landreform, Bildung und Gerechtigkeit für alle – weckten Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Diese Periode dauerte bis zum 23. September. Da plötzlich schlug das kühle Spiel in eine Orgie der Gewalt um. Die Abenddämmerung hatte eben eingesetzt, als die Wachen in den Kerkern des Palastes den Inhaftierten mitteilten, sie sollten in ein anderes Gefängnis verlegt werden. Sie wurden in ein Gebäude in der Nähe des Hauptquartiers der Organisation für Afrikanische Einheit geschafft. Dort freilich wartete ein Exekutionskommando auf sie. In Gruppen zu zehn wurden 57 Gefangene mit Maschinenpistolen niedergemacht und tags darauf in einem Massengrab verscharrt.

Drei der Ermordeten hatte man aus den Hospitalbetten gezerrt. Ras Asrate Kassa, ein Neffe des Kaisers und ehemaliger Präsident des Thronrates, wurde im Rollstuhl zur Hinrichtung transportiert. Den ehemaligen Kämmerer des Kaisers, Blatta Admassu Retta, krebskrank und dem Tode nahe, schleppte man auf einer Tragbahre heran. Generalleutnant Isayas Gebre Selassie lag im Koma, als ihn die Kugeln trafen.

Fast zur gleichen Zeit war General Aman Michael Andom, bis kurz zuvor Vorsitzender des Militärrats, umgebracht worden. Am Freitag, dem 22. November, hatten Truppen seine Wohnung auf dem Gelände des Prinzessin-Tsehai-Krankenhauses umstellt, am Samstag abend gewährte man ihm eine Frist von 15 Minuten, um sich zu ergeben. Er hatte Freunden gesagt, daß er kämpfen werde. Die Schießerei um Andoms Wohnung dauerte über zwei Stunden. Mit Jeeps und Panzerspähwagen waren die Belagerer aufgefahren, aber die dicken Wände des Gebäudes widerstanden dem Beschuß. Schließlich Wurde ein Panzer eingesetzt, der die Wand in Trümmer legte. Mit einem Kopfschuß wurde General Andom niedergestreckt.