Von Rolf Michaelis

Des Vaters Liebling, Theodor Fontanes einzige Tochter neben drei Söhnen, Martha (1860–1917), zärtlich Mete genannt, ist Liebling auch der Schriftgelehrten auf Fontanes Lebensspur. Fontanes Freund Justizrat Paul Meyer erinnerte sich noch als alter Herr: "In der Unterhaltung sowie in ihren Briefen war sie die echte Tochter des Vaters, dessen Liebe sie in besonderem Maße besaß, da er in ihr soviel aus ,Eigenem‘ wiedererblickte." Lobt Kurt Schreinert das "ungetrübte Vertrauensverhältnis" von Vater und Tochter, rühmt Ernst Simon: "Fast alle Personen ..., mit der einzigen Ausnahme seiner Tochter Mete, erweckten Fontanes latente Ambivalenz", so ernennt Ernst Heilborn Mete gar zur "Persönlichkeitsmuse" des schriftstellernden Vaters.

Überraschend an diesen für deutsche Philologen geradezu schwärmerischen Äußerungen: daß sie gewagt wurden ohne Kenntnis der Person, fast ohne jede Kenntnis von Metes schriftlicher Hinterlassenschaft. Bis zu dieser Briefausgabe haben wir Mete mit den Augen des Vaters gesehen – und es zeigt sich, daß der Alte aus der Berliner Mansardenwohnung Potsdamer Straße 134c auch dann noch einen klaren Blick hatte, wenn – nicht nur väterliche – Liebe ihm die Hand führte in Erzählungen und Briefen, aus denen man bisher Metes Bild zusammensetzen mußte.

Berühmt geworden ist die Szene aus dem Erinnerungsbuch "Kriegsgefangen" (1871), als dem hinter die Front geratenen Journalisten Fontane aus dem Kaminfeuer des Gefängnisses von Gueret "die großen klugen Augen meines Lieblings" entgegenblicken. Die ungewöhnliche Sympathie zwischen (sechsundfünfzigjährigem) Vater und (sechzehnjähriger) Tochter, die als verständnisvolle Verbündete gegen die Ehefrau angerufen wird, bezeugt der Seufzer an "meine liebe süße Mete" in der Nachschrift eines Briefes vom Sommer 18 76: Fontanes letzter Versuch, in einer Beamtenstellung bürgerliche Reputation (und Pension) zu gewinnen, ist eben gescheitert; keine acht Wochen hat es Fontane als Sekretär der Akademie der Künste ausgehalten; während er mit der "lebhaften Beschämung" durch sein Versagen, wie es im Entlassungsgesuch an den "Allergroßmächtigsten, Allerdurchlauchtigsten Kaiser und König" heißt, und mit der dadurch heraufbeschworenen schweren Ehekrise fertig werden muß, klagt er der Tochter in den Ostsee-Urlaub: "Wir erleben wohl allerhand, aber wenig Erfreuliches... Das Schlimmste, so hoff ich wenigstens, liegt hinter mir. Du wirst schon wissen, worauf sich dies bezieht. Sei glücklich, daß Du diese letzten Wochen auf neutralem Boden zugebracht hast."

So lobt Fontane das "Plaudertalent" seiner "Scheherezade": "Sie Abends beim Thee perorieren zu hören, oft über die schwierigsten und sublimsten Themata, ist ein Hauptgenuß; sie sagt dann Sachen, die mich absolut in Erstaunen setzen", und so ihre gewandte Feder: "Marthas Briefe und Karten sind ... vorzüglich; sie hat ein ganz entschiednes schriftstellerisches Talent, beobachtet scharf, ist geistvoll und hat für alles einen natürlichen Ausdruck."

Fast ängstlich schlägt man nach diesen von Vater, Freunden und Forschern gewundenen Kränzen, die als Vorschußlorbeeren erscheinen müssen, da keines der Urteile nachzuprüfen war, den Band auf –

Mete Fontane: "Briefe an die Eltern – 1880 bis 1882", herausgegeben und erläutert von Edgar R. Rosen; Propyläen Verlag, Berlin, 1974; 335 S., 38,– DM.