Bonn

Bonner Bürger planen mit." Unter diesem Motto veranstaltete die Volks- und Lebensversicherung Deutscher Herold im Großraum Bonn ein Preisausschreiben. Dem Gewinner winkt eine 3000-Mark-Reise an ferne Gestade eigener Wahl. Zweck der nahezu einmaligen Übung: Über ein Plebiszit der Bonner Bevölkerung möchte der Herold ein Bürgervotum für seine Neubaupläne erhalten. Und überdies seinen guten Ruf wiederherstellen. Die Versicherungsgesellschaft wird nämlich als "Stadtzerstörer" verdichtigt.

Seit längerem plant die Versicherung im schönen Bonner Stadtviertel Poppelsdorf, dem Stammsitz des Herold seit Kriegsende, umfangreiche Verwaltungsbauten. Den Plänen stehen indas Proteste einer Bürgerinitiative sowie ein neoklassizistisches Bauwerk im Weg.

Das Haus Poppelsdorfer Allee 25, im Besitz des Herold‚ ist nach den Plänen der Stadt zu erhalten. Dem Bonner Landeskonservator Borchers, der sich um dieses Haus von Amts wegen zu kümmern hat, geht es freilich nicht in erster Linie um dieses Stadtdenkmal. Borchers befürchtet viel Schlimmeres, wenn der Herold bauen darf. Eine "Protzarchitektur, wie man sie schlimmer sich nicht denken kann", werde die einmalige Stadt- und Landschaftsarchitektur mit ihren kunstvollen Schlössern verschandeln.

Der Herold indes hält an seinen Plänen fest. Er will seine zersplitterte Verwaltung konzentrieren, um Kosten einzusparen. Herold-Vorstandsvorsitzender Willy Guenther: "Eine andere Wahl haben wir nicht." Dieses offene Bekenntnis rückt die Mitbestimmungsaktion "Bonner Bürger planen mit" allerdings in ein zweifelhaftes Licht. Die 290 000 per Herold-Extrablatt zur Volksabstimmung aufgerufenen Bürger haben zwar die Wahl zwischen sechs vom Herold vorgeschlagenen Neubaumodellen – ablehnen können sie das Projekt freilich nur dadurch, daß sie an der Abstimmung nicht teilnehmen. Nur eines der sechs Modelle sieht überdies vor, das vom Abriß bedrohte Baudenkmal zu erhalten. Landeskonservator Borchers kritisiert denn auch, daß dem Preisausschreiben keinerlei Informationen beigefügt sind, die eine echte Entscheidung möglich machen könnten. Borchers: "Hier wird etwas vorgegaukelt, und das ist undemokratisch."

In den Verdacht, Stadt, Rat und Bürgerinitiative über ein Plebiszit unter Druck zu setzen, geriet der Herold auch wegen der Formalitäten seines Wettbewerbs. Bis zum 1. Dezember müssen die Einsendungen beim Notar Daniels eingegangen sein (Mitinhaber ist CDU-OB-Kandidat Hans Daniels). Am 11. Dezember soll das Ergebnis verkündet werden, vier Tage später aber sollten vier Architekten bereits ihre Bauvorentwürfe vorgelegt haben. Und in diesen Entwürfen sollten dann bereits die Bürgerwünsche einbezogen sein. Erst nachdem die Öffentlichkeit zweifelte, ob die Bonner Mitplanungen in so kurzer Zeit berücksichtigt werden könnten, verlängerte der Herold den Abgabetermin für die Architekten. Ein Herold-Sprecher dazu: "Vorher haben uns die Architekten nicht gesagt, daß sie unter Zeitdruck stehen würden." Daß der Herold wie geplant bauen darf, ist zweifelhaft. Derzeit ist eine Mehrheit im Stadtrat zu der zum Bau notwendigen Änderung der Bebauungsordnung mehr als unwahrscheinlich. Den Ärger um das neoklassizistische Haus an der Poppelsdorfer Allee hätte sich der Herold jedoch sparen können. 1968 hatte die Stadt Bonn bereits die Genehmigung zum Abbruch des Hauses erteilt. Der Sinn der Bonner für die Architektur ihrer Väter ist jedoch in den vergangenen Jahren gewachsen. 1972 stellte der Stadtrat das umstrittene Bürgerhaus wieder unter seinen Schutz. Wolfgang Hoffmann