London, im Dezember

George Mair ist nicht der erste Arzt, der in Großbritannien öffentlich zugibt, das Leben unheilbarer Patienten abgekürzt zu haben. Im Jahre 1969 gab es schon einmal eine Euthanasie-Debatte im Zusammenhang mit einem Gesetzentwurf, der bei Freiwilligkeit des Entschlusses Straffreiheit vorsah. Damals wandte sich der katholische Erzbischof von Westminster, Kardinal Heenan, in einem Leserbrief an die Times gegen das Verwenden schöner Umschreibungen und schlug vor, von Töten zu reden, wenn Töten gemeint sei.

Genau das tut nun Dr. Mair in seinem Buch "Bekenntnisse eines Chirurgen". Etwa fünfzehn bis zwanzig Patienten habe er im Laufe seiner dreißigjährigen Praxis getötet. "Ich benutze das Wort ,getötet‘ mit Absicht, ich liebe keine Euphemismen." Der schottische Arzt nennt keine Namen, er ist auch bereits seit sieben Jahren in Pension. Sofort setzten jedoch Nachforschungen ein, wann und wo er in seiner Laufbahn auf diese Weise getötet haben könnte und wen.

Dr. Mair besteht darauf, daß es sich in allen Fällen um unheilbar Kranke gehandelt habe, wobei die Diagnose nie nur von ihm allein gestellt worden sei. Ebenso sei in jedem Fall das Einverständnis des Patienten ausdrücklich gegeben worden, ja er selbst habe nicht einmal den Gnadentod suggeriert, sondern sei stets nur darauf eingegangen, wenn der oder die Todkranke von sich aus die Sprache darauf gebracht habe. Oft bestand sein Teil nur in dem Ratschlag, mit welcher Dosis welchen Schlaf- oder Schmerzmittels der Patient sich selbst das Leben nehmen könne. "Das wissen nämlich die meisten nicht. Dann brechen sie die Tabletten aus, und alles wird nur schlimmer."

"Die Pflicht eines Arztes ist es, Schmerzen zu lindern und, wo das möglich ist, den Patienten zu heilen. Wenn beides unmöglich wird, muß der Arzt das Leben erträglich machen, so gut das geht. Wenn mehr als zwei Spezialisten übereinstimmen, daß die Krankheit unheilbar ist, darf man eine Euthanasie erwägen, vorausgesetzt, der Patient selbst verlangt danach."

Dr. Mair beschreibt den Fall einer Kranken, die nur noch mit täglichen großen Dosen von Betäubungsmitteln leidlich schmerzfrei gehalten werden konnte und die ihn um den Gnadentod bat. Sie machte ihr Testament, verabschiedete sich von allen Verwandten und Freunden und bat dann um die vereinbarte Injektion. Zu ihrer Lieblingsmusik, dem Adagio aus Beethovens 9. Sinfonie, schläferte der Arzt sie ein.

Dr. Mair mag vielleicht nicht der schriftstellerisch begabteste Anwalt solcher Gnadentötungen sein, aber angesichts der gegen ihn stehenden Meinungen und Paragraphen ist er sicher einer der mutigsten. Sofort trafen denn auch weitere "Geständnisse" ein. Der Kinderarzt Dr. David Maclay berichtete, er habe vor langer Zeit in Glasgow einem neugeborenen Kind, bei dem er eine unheilbare Wirbelsäulendeformation feststellen mußte, eine tödliche Spritze gegeben. Professor Thomas Symington und Dr. Richard Carter, beide vom Institut für Krebsforschung, erklärten, Dr. Mair habe einen wertvollen Beitrag geleistet, indem er auf solche Probleme bösartiger, unheilbarer Krankheiten hingewiesen hahe. Dr. Robert Twycross vom Christophorus-Krankenhaus in London schrieb: "Ärzte hätten weder eine gesetzliche noch eine ethische Pflicht, die Qualen eines Sterbenden zu verlängern."