Von Karl-Heinz Janßen

Washington, im Dezember

In den kaiserlichen Gärten von Sutschau bewunderte Henry Kissinger das Talent der Chinesen, auf schmalem Raum einen Reichtum an Phantasie zu entfalten. Der amerikanische Außenminister und sein Kollege Tschiao Kuanhua eiferten den Gartenbaumeistern der Ming-Zeit nach, als sie das Ergebnis von elf Stunden harter Verhandlungen in ein karges Kommuniqué von ganzen 69 Worten preßten.

Die Amerikaner reagierten auf das spärliche Resultat in Peking sehr gelassen. Nicht einmal jener Kreis von Politikern, Diplomaten, Gelehrten und Geschäftsleuten, die sich seit mehr als zehn Jahren um ein freundschaftliches Verhältnis zur Volksrepublik China bemühen, hatte sich von diesem Besuch viel erhofft. In dem berühmten Kommuniqué von Schanghai hatten sich Nixon und Tschou En-lai das Ziel gesteckt, die Beziehungen zwischen den beiden Großmächten zu normalisieren. "Doch Normalisierung", so erinnert sich einer, der 1972 beim Gipfeltreffen dabeisaß, "sollte nie etwas anderes bedeuten als Schritt um Schritt."

Freilich hatte die amerikanische Außenpolitik in letzter Zeit ihre Schritte eher verzögert und China zugunsten der Sowjetunion vernachlässigt. Das State Departement ging von der richtigen Annahme aus, daß gegenwärtig China die Amerikaner dringender braucht als umgekehrt. Peking kann, solange der Aufbau seiner eigenen strategischen Nuklearstreitmacht noch nicht vollendet ist, die USA als Abschreckungsmacht gegenüber der Sowjetunion nicht entbehren, und es möchte auch nicht auf die modernen Anlagen einer ausgeklügelten Technologie verzichten, wie sie derzeit nur die amerikanische Industrie liefern kann.

Bei dieser Interessenlage glaubte sich Washington sogar den Affront leisten zu können, einen seiner besten Diplomaten und Asienkenner, Leonard Unger, als neuen Botschafter nach Taiwan zu entsenden, während als neuer Leiter des Verbindungsbüros in Peking ein unerfahrener republikanischer Politiker namens Bush ernannt wurde. Immer noch stehen 4000 amerikanische Soldaten auf Taiwan, der letzten Bastion des "Dollar-Imperialismus", der sich vor mehr als 100 Jahren in China ausbreitete, in den herrlichen Zeiten, als amerikanische Geschäftsleute mit den Gewinnen aus dem Opiumhandel den Eisenbahnbau im Wilden Westen finanzierten. Die chinesischen Politiker können es auch nicht anders als taktlos empfunden haben, daß sich Präsident Ford mit Generalsekretär Breschnjew in Wladiwostok traf, das nur 55 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt liegt, in einem Gebiet, das nach chinesischer Ansicht rechtmäßig zum Reich der Mitte gehört.

Vielleicht war die chinesische Offerte zum Tage der Oktoberrevolution, einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion zu schließen,-als eine Warnung an Washington gedacht, den Bogen nicht zu überspannen. Genützt hat sie wenig. Die einen in Washington meinten, alles was die Kriegsgefahr in Asien vermindere, sei als ein Schritt zur Entspannung nur zu begrüßen. Und jene, die eine Versöhnung zwischen Moskau und Peking als eine tödliche Bedrohung der amerikanischen Sicherheit ansehen, gaben sich mit dem Gedanken zufrieden, daß dies mindestens für die nächsten zehn Jahre unwahrscheinlich sei. Breschnjews Rede in Ulan Bator hat sie bestätigt.