Stuttgart

Manfred Rommels politisches Markenzeichen ist der Rechenschieber. Der 45 Jahre alte Generalsohn, Sieger der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart, greift immer dann mit einer respekteinflößenden Gebärde in die obere Brusttasche, wenn es ein politisches Problem zu lösen gilt. Das ominöse Gerät, mit dessen Hilfe Rommel scheinbar nicht nur dem Marxismus die Wurzel zieht, sondern auch in der Kirche imstande wäre, die pastorale Aussage nachzurechnen, ist in der CDU inzwischen zum oft belächelten Attribut dieses nüchternen Politikers geworden. Im Wettrennen um den Oberbürgermeistersitz im Stuttgarter Rathaus jedoch hat ihm diese Tugend den entscheidenden Vorteil eingebracht.

Rommel, den vor vier Wochen noch kaum jemand gekannt hat, war bisher immer ein Mann der zweiten Reihe gewesen. Unsicher wirkend und der Statur nach eher ein frühzeitig gealterter Pennäler, hat er mit seinem Vater, dem legendären "Wüstenfuchs" Erwin Rommel, nicht viel mehr gemeinsam, als die Einsicht in die Notwendigkeit langfristiger Planungen. "Mein Vater", so bekannte Rommel zu Beginn des Wahlkampfes, "konnte ja ein Gebirgsbataillon ohne Lautsprechen befehligen. Ich kann mich nicht einmal in einem Bestzeit durchsetzen."

Gleichwohl mußte Rommel noch in der Wahlnacht zugeben, daß der unverwüstliche Ruf des schwäbischen Generals einer der wichtigsten Gründe für seinen Wahlerfolg gewesen sei. 58,9 Prozent der Stuttgarter Wähler haben am vergangenen Sonntag mit Manfred Rommel den letztlich unpolitischen Oberbürgermeister bevorzugt und dem Programmatiker der SPD, dem 41 Jahre alten Bundestagsabgeordneten Peter Conradi, mit 39,5 Prozent der Stimmen nicht einmal den Anteil zugestanden, der in der sozialdemokratischen Hochburg Stuttgart bei allen anderen Wahlen schon zur Routine geworden ist. "Politik gehört nicht aufs Rathaus" – diese Formel, die von den besonders in Baden-Württemberg stark vertretenen parteilosen freien Wählervereinigungen vertreten wird, hat bei der OB-Wahl verfangen,

Durchgesetzt hat sich der Jurist Rommel auch gegenüber dem Schöngeist Kurt Georg Kiesinger, den er bis 1966 in der Stuttgarter Staatskanzlei beriet. Rommel schlug dessen Angebot aus, ihm ins Bundeskanzleramt zu folgen. Und auch das politische Ansehen des jetzigen Ministerpräsidenten Hans Filbinger wäre ohne den "Chefdenker" Rommel, bislang Leiter der Grundsatzabteilung im Staatsministerium, nicht denkbar. Daß Rommel 1972 als Staatssekretär ins Finanzministerium überwechselte, ist von der Erkenntnis her zu verstehen, daß Finanzpolitik immer mehr zum wichtigsten Instrument der Politik geworden ist. Wann immer auch die Finanzminister der Länder in den vergangenen Monaten ihre Stimme zur Reformfinanzierung erhoben haben, stets war in den Denkschriften auch die bilderreiche Sprache Rommels zu finden.

Rommel versprach im OB-Wahlkampf nicht viel mehr als Blut, Schweiß und hinterher vielleicht ein paar Freudentränen. Nicht einmal die Initialen der CDU waren auf seinen Wahlplakaten zu lesen. Daß er obendrein gebürtiger Schwabe ist, des Schwäbischen ohne verquälte Nasale mächtig, daß nichts Geschliffenes und keine "Schwertgosch" an ihm ist, sondern daß er einem sinnierenden Vierteleschlotzer aus dem "Ochsen" von Uhlbach ähnelt – dies alles rundete in den Augen der Wähler das Bild vom Stuttgarter Traumkandidaten, der als solcher auch ein würdiger Nachfolger des kommunalen Calvinisten und Verseschmieds Arnulf Klett zu werden verspricht. Es war der Sieg von Rommel, nicht der CDU. Jörg Bischoff