Von Rudolf Walter Leonhardt

Die Sozialdemokraten und die Freien Demokraten haben bei den letzten Landtagswahlen schlecht abgeschnitten, in Hamburg wie in Niedersachsen, in Bayern wie in Hessen. In Hessen glauben einige genau zu wissen, warum: wegen der Bildungspolitik.

Deswegen hat Hessen auch in der sechsten Woche nach den Wahlen noch keine neue Regierung. Der kleine Koalitionspartner FDP möchte sich distanzieren von einer Schul- und Hochschulpolitik, die er jahreleang mitgetragen, die er zum Teil auch selber initiiert hat. Was von den mühsamen Koalitionsverhandlungen nach außen dringt, läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Die hessische FDP fordert den Rücktritt des sozialdemokratischen Kultusministers Ludwig von Friedeburg.

Für den Nicht-Hessen ist es schwer, sich ein Bild davon zu machen, was wirklich an hessischen Schulen und Hochschulen geschieht. Die beiden Frankfurter Zeitungen lassen ihn im Stich. In der "Allgemeinen" wird er kaum ein gutes, in der "Rundschau" kaum ein böses Wort über Friedeburg lesen. Aber so kann es ja wohl in Wirklichkeit nicht sein: daß ein Minister sich immerzu nur bewährt oder immerzu nur versagt.

Wie jedoch ist es? Was wirft man Friedeburg vor? Geschieht ihm Unrecht? Was gewänne die SPD durch seinen Sturz und was die FDP?

Nachdem die aufgeregte Hochschul-Diskussion sich einigermaßen beruhigt hatte, ging es im hessischen Wahlkampf, soweit er kulturpolitisch geführt wurde, ausschließlich um Schulfragen, besonders um: die Gesamtschule, die Rahmenrichtlinien und um radikale Lehrer. In den Koalitionsverhandlungen scheint mal das eine, mal das andere in den Vordergrund gerückt zu werden.

Die Gesamtschule ist bei unseren westlichen wie bei unseren östlichen Nachbarn die vorherrschende Schulform. Sie ist zu kennzeichnen dadurch, daß in der Mittelstufe, vom fünften bis zum zehnten Schuljahr, nicht streng getrennt wird zwischen "Hauptschülern", "Realschülern" und "Gymnasiasten". Man kann den Befürwortern der Gesamtschule als Tendenz "radikale Gleichmacherei" ebenso vorwerfen wie "Systemstabilisierung". Gesamtschulen können lästig sein, da alles Neue zunächst lästig ist. Sie stellen neue Anforderungen an die Lehrerausbildung und höhere Ansprüche an die Lehr- und Lernwilligkeit.