Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Dezember

Wird Willy Brandt nach dem Verzicht auf die Kanzlerschaft auch das Amt des SPD-Vorsitzenden aufgeben müssen? In Bonn gibt es kaum einen politischen Zirkel, in dem diese Frage nicht immer wieder erörtert würde. Und auch außerhalb der Bundeshauptstadt ist allem Anschein nach einer wachsenden Zahl von Genossen der Gedanke nicht mehr fremd und anstößig, daß ihr neuer Vormann in der Partei demnächst Helmut Schmidt heißen könnte. Zwar versichert der Bundeskanzler ein um das andere Mal, daß er sich zu den Regierungsgeschäften unmöglich noch die Plackerei mit der Partei aufhalsen könne, zwar hat sein Vorgänger die Kandidatur für den SPD-Vorsitz auf dem Mannheimer Bundesparteitag im November nächsten Jahres bereits angekündigt, aber die Zweifel bleiben.

Seit dem Rücktritt Brandts als Regierungschef im Mai sind die Bande frommer Scheu gesprengt. In der Partei wird über seine Person wie über seine Funktion diskutiert. Manche innerhalb und außerhalb der SPD sprechen sogar schon von einem rapiden Autoritätsverfall. Aber die Partei hat die Leistungen Brandts, unter dessen Führung die SPD Regierungs- und Kanzlerpartei geworden ist, noch nicht vergessen. Einen "Gottvater" Brandt freilich gibt es nicht mehr. Der Heiligenschein, an dem manche seiner Mitarbeiter zu Kanzlerzeiten so eifrig gepinselt hatten, ist verschwunden. Ansehen und Autorität haben wieder natürliche Maße angenommen.

Kritik, die noch vor drei Monaten nicht laut geworden wäre, wird jetzt deutlich geäußert – so auch in einer der letzten Sitzungen der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion: vom Parteichef Brandt hätte man nach den niederschmetternden Landtagswahlergebnissen in Hessen und Bayern mehr Antworten als Fragen erwartet.

Auch bei den 17 Konferenzen, bei denen Brandt während der letzten Monate mit ungefähr 10 000 SPD-Funktionären zusammengetroffen ist, war das Verlangen groß, konkrete Handlungsanweisungen zu bekommen. Die Partei weiß sich kaum noch Rat. Sie hat sich zum einen auf geradezu masochistische Weise in Richtungskämpfe verstrickt, und zum anderen sieht sie sich in der Regierungsverantwortung Krisen gegenüber, die gewiß nicht alle auf ihr Konto gehen, gleichwohl aber bewältigt werden müssen: vom Energieproblem über die Inflation bis zur Arbeitslosigkeit.

Das führt zu tiefer Depression, zu mangelndem Selbstbewußtsein und zu Unsicherheit in Wahlkämpfen und parteiintern dazu, daß die Basis alles Heil von der Spitze erwartet. Willy Brandt versucht diese Niedergeschlagenheit auf jene Weise zu kurieren, die sein Naturell getreulich widerspiegelt: durch eine behutsame Therapie, die das Mittel der Disziplinierung und der Machtworte scheut und statt dessen auf sachliche Überzeugung setzt. Im übrigen widmet er sich langfristigen Perspektiven, die über die augenblickliche Misere und den Tag hinaus führen sollen. Viele Genossen fragen sich freilich, ob Brandts Parteitherapie des vorsichtigen und oft verklausulierten Sowohl-als-Auch geeignet ist, die innere Verkrampfung der SPD zu lösen und die Richtungskämpfe beizulegen. Und was die langfristigen politischen Perspektiven angeht, so will sie zwar niemand in der Partei entbehren, aber viele zweifeln daran, daß sie der Partei über die Hürden der kommenden Landtagswahlen und vor allem der Bundestagswahl von 1976 hinweghelfen werden.