Von Hansjakob Stehle

Rom, im Dezember

Mit bebender Stimme, fast den Tränen nahe, rief Aldo Moro letzten Montag die Italiener auf, ihm "wenigstens ein Vorläufiges, bedingtes Vertrauen" zu schenken, obschon er ihnen zubilligte, daß sie sich heute von Regierung und Parteien "verraten und verlassen, statt vertreten" fühlen. So unverblümt hat bislang noch kein Regierungschef Italiens die Krise des Landes eingestanden.

Mit einer Inflationsrate, die 24 Prozent erreicht hat, mit ständig sinkender Produktion, mit leeren Kassen und einer "bürokratischen Paralyse" (wie Moro den Zustand der Verwaltung bezeichnet) bleibt nur der Rückgriff auf ein Programm, das nahezu kriegswirtschaftlich anmutet: Moro will die Importe drosseln, die Steuerschrauben anziehen, die Investitionen reglementieren, den Konsum beschränken, wahrscheinlich sogar fleischlose Tage einführen. Wie aber kann das alles einem Volk aufgebürdet werden, von dem ein großer Teil – wie Moro bekannte – "allzu lange am Rande unseres sozialen und politischen Systems blieb"?

Moros Regierungserklärung hörte sich eher wie die eines demokratischen Sozialisten als die eines Christdemokraten an. Der weitere Linksruck, der sich damit in Italien abzeichnet, ist freilich Ausdruck einer Bewegung, die mehr der Not als ideologischen Überlegungen folgt. Nach zwei Monaten Regierungskrise – der längsten und bösartigsten in Italiens Nachkriegsgeschichte – ist Moro in den Sattel gehoben worden, weil nur er noch ein gewisses Maß von Glaubwürdigkeit bei den Linksparteien besitzt. Doch als Haupt einer linken Minderheitsgruppe in der Democrazia Cristiana hat Moro bei seinen eigenen Parteifreunden im Grunde noch schwächeren Rückhalt als seine glücklosen Vorgänger. Als Koalitionspartner hat er nur die linksliberalen Republikaner mit ihrem gewiß sehr fähigen Parteichef La Malfa im Kabinett – stellvertretend für alle nichtkatholischen Demokraten, wie es Moro verstanden wissen möchte.

Sozialisten und Sozialdemokraten jedoch waren, vor allem aus Abneigung gegeneinander, nicht mehr zum Eintritt in die Regierung zu bewegen. Ihre Unterstützung im Parlament wird Moro immer von neuem erwerben müssen, um sich die nötige Mehrheit zu sichern. Eine Kostprobe davon gab er schon in seiner Regierungserklärung: die Sozialisten ganz beiseite zu lassen (wie es viele Christdemokraten empfahlen), wäre "ein Akt der Gewissenlosigkeit, dessen wir uns schämen und den wir bereuen müßten", meinte Moro. Die Sozialdemokraten jedoch durch eine konservative Politik "aufsaugen", also nach rechts abgleiten zu lassen, was bereits im Gange ist, würde, laut Moro, dem Lande wichtige Kräfte rauben.

Auch deshalb sagte Moro dem Faschismus, den er ohne die mildernde Vorsilbe "neo" beim Namen nannte, auf eine Weise den Kampf an, die vor allem den Erwartungen der Linken entgegenkommt: kein Wort über Linksextremisten und Anarchisten. Sie rangieren allenfalls unter "anderen Gewalttätern", die man auch nicht außer acht lasse. Nicht minder behutsam, unpolemisch, ja fast freundschaftlich-schulterklopfend wirkte Moros Absage an die Kommunisten.