Wenn, was viele Forscher annehmen, die Immunabwehr des Körpers nicht nur gegen eindringende Fremdstoffe, sondern auch gegen Krebsgewebe wirksam wird, Krebs also zumindest in manchen Fällen auf ein Versagen dieses körpereigenen Abwehrsystems zurückzuführen ist, dann müßten Menschen, die einer Organtransplantation wegen Mittel zur Unterdrückung der Immunabwehr erhalten haben, besonders häufig an Krebs erkranken.

Das hat sich, wie einem Bericht des amerikanischen National Cancer Advisory Board zu entnehmen ist, jetzt bestätigt. Unter Personen, die eine Niere eingepflanzt bekommen hatten, traten wenigstens drei Krebsarten signifikant häufiger auf, als der allgemeinen Statistik entsprechen würde. Die Empfänger von Nieren erhalten im allgemeinen Immunorepressoren, also Medikamente, die das Abwehrsystem des Organismus außer Kraft setzen, damit es sich nicht gegen das fremde Organ richtet.

Ebenfalls erhöht ist das Krebsrisiko für Menschen, deren Immunsystem wegen eines angeborenen Fehlers gestört ist. Bezeichnend für den Zusammenhang zwischen der Funktion dieses Systems und dem Auftreten von Krebs ist auch, wie der Bericht betont, die Tatsache, daß bestimmte Krebsarten auffallend häufig in der gleichen Familie auftreten. Denn wie Untersuchungen solcher Familien ergaben, ist dies mit angeborener Immunsystemstörung stark korreliert.

Der Verfasser des Berichts, Dr. Joseph Fraumeni, beschreibt eine Familie, bei der in vier Generationen zwölf Mitglieder an Magenkrebs erkrankten. Eine Untersuchung der überlebenden Angehörigen dieser Familie ergab eine "starke Tendenz zu einer Abnormität der Lymphocyten, der Blutzellen, die im System der Immunabwehr eine wichtige Rolle spielen.

Möglicherweise ist der Zusammenhang zwischen diesem System und der Krebsentstehung kein direkter, vermutet Doktor Fraumeni. Bei den Magenkrebsfällen jedenfalls könnte, wie er zu bedenken gibt, die mangelhafte Abwehr des Körpers zunächst Entzündungen der Magenschleimhaut begünstigt haben, die dann ihrerseits zum Entstehen eines Karzinoms prädisponiert hätten. Victor Gero