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Von Dieter E. Zimmer

Es schwelt seit einigen Wochen eine Kontroverse: nicht über die neue Zeitschrift der Osteuropa-Emigranten "Kontinent", sondern in Zusammenhang mit ihr. Dieser Unterschied ist schon elementar; wer ihn nicht begreift, begreift nichts. Es wurden Offene Briefe gewechselt, Interviews gegeben, Kommentare geschrieben. Spärliche Kommentare; die deutsche Presse halt sich anscheinend lieber heraus.

Zur Vorgeschichte: Im Sommer schlug der zum Springer-Konzern gehörende Ullstein/Propyläen-Verlag einigen osteuropäischen Emigranten die Gründung einer eigenen Zeitschrift vor. Das Angebot wurde angenommen. Chefredakteur wurde der Romancier Wladimir Maximow. Im Oktober erschien das erste Heft in russischer Sprache; im November eine deutsche Ausgabe. Ihre Erstauflage von 30 000 Exemplaren ist inzwischen vergriffen. Englische, französische und weitere Ausgaben sind geplant. Für "Kontinent" wurde inzwischen von Ullstein/Propyläen ein Schwesterverlag in Darmstadt eingerichtet; er soll außerdem die "im Westen verstreuten Buchrechte von Autoren, die noch in osteuropäischen Ländern leben oder von dort kommen, zusammenfassen"; alle seine Gewinne sollen an in Not geratene osteuropäische Autoren fließen. Deutschsprachige Bücher soll er nicht veröffentlichen; die deutschen Rechte sollen an Ullstein/Propyläen übertragen werden. Wie andere westliche Verlage, die in der Vergangenheit zum Teil ja einiges für die Verbreitung osteuropäischer Literatur im Westen unternommen haben, zu einem solchen Unternehmen mit Monopolanspruch stehen, bleibt abzuwarten; ohne Konflikte kann es kaum abgehen.

Daß die Emigranten eine eigene Zeitschrift haben, wurde von der gesamten Presse ausdrücklich und ausführlich begrüßt. Vorabdrucke und Vorberichte wurden "Kontinent" so reichlich zuteil wie keiner anderen Kulturzeitschrift jemals.

Dann schrieb Anfang Oktober Günter Grass einen Offenen Brief an Alexander Solschenizyn und Andrej Sinjawskij; er erschien in einigen Zeitungen, auch in der ZEIT. Sein Gegenstand war eine Frage: "Muß man, um seiner begründeten Gegnerschaft zum totalitären Kommunismus Ausdruck zu geben, Anlehnung bei Kräften suchen, denen die westlichen Diktaturen nie ein sonderliches Ärgernis gewesen sind und die in ihrer antikommunistischen Verblendung durchaus bereit sind, den kommunistischen Teufel mit dem faschistischen Beelzebub auszutreiben? Bei aller Hochachtung vor Ihrem Mut, den Sie in der Sowjetunion der alleinherrschenden Staatsmacht gegenüber bewiesen haben, Ihre Zusammenarbeit mit dem Springer-Konzern kann ich nicht gutheißen. Ich bitte Sie, Ihr Vorhaben noch einmal zu überprüfen. Schon sind Sie dabei, sich in schlechte Gesellschaft zu begeben."

Warum Grass die Gesellschaft des Springer-Konzerns schlecht fand, sagte er in diesem Brief auch: In seinen Produkten geschehe "tagtäglich genau das, was Ihnen, wenn auch in totalitärem Ausmaß, in der Sowjetunion widerfuhr: durch doktrinäre Meinung verfälschte Information, Verteufelung des politischen Gegners, Appelle an die latente Gewaltbereitschaft der sogenannten schweigenden Mehrheit, die Einstufung von Angeklagten als schon Verurteilte – all das, was Ihren Schriftstellerkollegen seit Jahren Anlaß gibt, um den Bestand der Demokratie in der Bundesrepublik zu bangen".

Das war schroff gesagt. Es war nicht: eine Polemik gegen "Kontinent" an sich; es war auch keine Gleichsetzung von sowjetischen politischen Polizeimethoden und den publizistischen Methoden eines rechtsorientierten deutschen Verlagshauses. Grass konstatierte eine gewisse, genau umschriebene, eine, wie er später in einem Interview erläuterte, "spiegelverkehrte" Übereinstimmung in der Haltung, nicht eine Übereinstimmung in Konsequenzen und Dimensionen.

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Es antworteten damals Andrej Sinjawskij (in der "Welt"), Wladimir Maximow (in der "Welt"), der Leiter des Ullstein-Propyläen-Verlags Wolf Jobst Siedler (in der "Frankfurter Allgemeinen"); vor kurzem kam bei einer Pressekonferenz auch Solschenizyn auf den Brief zu sprechen.

Sinjawskij: "Ich kenne die westlichen Angelegenheiten nicht gut. Ich habe keinerlei Erfahrung, was den Kampf der westlichen Demokratie angeht, und es ist nicht meine Sache, Forschungen über diesen oder jenen Verlag, über diesen oder jenen – wie Sie sagen – Geldkonzern anzustellen und zu entscheiden, wessen Geld hier besser oder schlechter ist... Ohne mich mit den Angelegenheiten des ‚Konzerns‘ zu befassen, die mir einfach unbekannt sind, möchte ich dennoch feststellen, daß diese "schlechte Gesellschaft’, sogar dann, wenn man diese nach den Kriterien Ihres Briefs beurteilen sollte, noch keinen einzigen Schriftsteller erschossen oder ins Konzentrationslager geschickt hat. Ihr Vergleich ... ist schändlich."

Maximow: "Unser einziges Bestreben ist, die Wahrheit mit allen uns zugänglichen Mitteln zu sagen, und wir werden es keinem gestatten, uns in einen Parteikampf zu verwickeln."

Siedler: "Wie wenig interessiert sich die Welt für die querelies allemandes, sie findet sich gar nicht zurecht in ihnen, obwohl es an Mühe doch wirklich nicht gefehlt hat, die Welt glauben zu machen, das eigentliche Problem der deutschen Wirklichkeit sei ein konservatives Verlagshaus."

Solschenizyn (einige Wochen später): "Kann man denn angesichts der 400 Millionen unterdrückter Menschen im Osten wirklich wählerisch sein beim Finden eines Verlags? ... Waren die westlichen Schriftsteller nicht sehr froh, als sie in der Sowjetunion gedruckt wurden? Aber wer druckte sie? Freie Verlage oder staatseigene, die Verlage unserer Henker?"

Nun hatten aber auch Kommentatoren von Springer-Zeitungen inzwischen auf Grass’ Brief geantwortet. In diesen Kommentaren herrschte ein anderer Ton; er verwickelte die Emigranten tatsächlich in einen deutschen "Parteikampf".

Matthias Walden in der "Welt am Sonntag": "Grass hat schon viele Beispiele für Urteilsunfähigkeit, Maßstablosigkeit, Anmaßung und Ungehörigkeit geboten. Als er diesen Brief schrieb, muß er seinen schlechtesten unter manchen schlechten Tagen gehabt haben... Wenn wir politisch-moralisch der besonderen Sensibilität, der Gedankenkraft und der Intuition der Dichter bedürfen, sollten wir uns besser an die großen Russen halten als an einen zu kleinen Deutschen."

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Hans-Dietrich Sander in der "Welt": "Grass und andere wurden peu à peu ganz ordinäre Parteiliteraten." Die "Identitätslegende" – die Überzeugung, intellektuelle Opposition in Ost und West hätte einiges Gemeinsame – sei zusammengebrochen. "Von der Freundschaft zwischen Solschenizyn und Böll war seitdem nichts mehr zu vernehmen – Die politisierenden Schöngeister der Bundesrepublik sind aus der Avantgarde ausgeschieden."

Dieser Stand der Dinge wurde in der ZEIT damals etwa folgendermaßen kommentiert: "Kontinent" ist eine selbständige Zeitschrift. Der Ullstein/Propyläen-Verlag gehört zwar zum Springer-Konzern, ist aber ein souveräner Zweigbetrieb, der nicht ohne weiteres für die Praktiken der Springer-Presse haftbar gemacht werden kann. Und auf jeden Fall seien die Emigranten überfordert, wenn man von ihnen verlange, sie sollten sich in den Feinheiten westdeutscher Publizistik auskennen. Grass’ Brief erreiche also eigentlich niemanden.

Andererseits: Ob die Emigranten es wollten oder nicht, sie würden von der Springer-Presse selbst in innerdeutsche Querelen hineingezogen, sie würden benutzt, um den innenpolitischen Kampf der Springer-Zeitungen gegen alles, was denen links vorkommt, zu munitionieren. Journalisten der Springer-Presse seien glücklich, plötzlich Schriftsteller von der politisch-moralischen Integrität von Sinjawskij oder Solschenizyn für sich reklamieren zu können und Arm in Arm mit ihnen gegen die ihnen seit langem unbequemen "linken" Literaten wie Böll oder Grass loszuziehen.

Das ist keine Stellungnahme "gegen ‚Kontinent‘". Auf diesem Unterschied muß leider bestanden werden: Man kann für eine Sache sein und gegen den Gebrauch, der von ihr gemacht wird.

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So sah es bis vor ein paar Tagen aus. Seitdem hat Heinrich Böll sich in einem langen, sehr sorgfältig ausgewogenen Interview mit Wolfram Schütte von der "Frankfurter Rundschau" zu der Kontroverse geäußert. Es schien unmißverständlich. Der Schein trog. In dem Interview sprach er sich zu Anfang für eine Veröffentlichung der deutschen Vertriebenen-Studie aus – sofern sie auch den historischen Zusammenhang herstelle, nämlich den Zusammenhang zwischen der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten mit dem deutschen Angriffskrieg und seinen Vertreibungen. Im Schlußteil des Interviews sprach er davon, daß er die Abneigung einiger russischer Dissidenten gegen "soziale Heilsversprechungen" wohl verständlich finde, aber gleichwohl nicht jede "Hoffnung auf Verbesserung sozialer Verhältnisse" als "links" diffamiert sehen möchte. "Die ständig wiederholte, schon klischeehafte Äußerung ‚diese westlichen Linken‘ ist unhaltbar. Es gibt sehr viele Differenzierungen unter den Linken aller Länder und innerhalb aller Länder."

Im Mittelteil sprach Böll über "Kontinent": Er sei "froh, daß die vertriebenen Autoren ein Forum haben"; er maße sich nicht an, ihnen einen unerbetenen Rat zu erteilen; er gedenke nicht, "als internationaler Boykottant von ‚Kontinent‘ tätig zu werden". Jedoch, so auch Böll: "Es geht offenbar nicht nur darum, den vertriebenen Autoren ein Forum zu geben, sondern die Zeitschrift wird auch als Instrument innenpolitischer Denunziation benutzt."

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In der Zusammenfassung dieses Interviews, das die "Welt" druckte, war zu lesen: "Mit besonderer Schärfe wendet sich Böll gegen den Chefredakteur des ‚Kontinent‘, Wladimir Maximow, den er beschuldigt, sich in die ‚innenpolitischen Verhältnisse‘ der Bundesrepublik einzumischen." Gesagt hatte Böll dies: "Das Argument von Siedler, die Dissidenten nicht mit innenpolitischen Problemen zu belasten, wird ja durch Maximow selbst widerlegt. Er ist Mitbegründer des ‚Bundes Freies Deutschland‘ (hier irrte Böll: Maximow ist nur auf einer Kundgebung des BFD als Redner aufgetreten)... Er ist aufgetreten auf dem Parteitag der CSU. Das ist sein gutes Recht, und dieses Recht wird nicht bestritten, es ist aber eine Einmischung in unsere innenpolitischen Verhältnisse. Wir haben uns ja auch – Hunderte von Schriftstellern aus der ganzen Welt – in die Innenpolitik der Sowjetunion eingemischt (für die Dissidenten, gegen Verhaftungen, Verfolgungen, Irrenhäuser)." Ist das eine "Beschuldigung"?

Der emigrierte tschechische Schachmeister Ludek Pachman, von Böll als "Reaktionär" apostrophiert, verfügte in einem von der "Welt" veröffentlichten Brief an Böll: "Sie gehen sogar so weit, daß Sie offen gewaltsame Methoden gutheißen und Gewalttäter zu rechtfertigen bereit sind, nur weil Gewalt unter linken Losungen ausgeübt wird. Ihr letztes Buch ist zum Beispiel ein sehr schlechtes Buch ... (Mich) erschreckt sein Grundgedanke: Die Mörder sollen künftig weniger schuldig sein als diejenigen, die sie als Mörder bezeichnen." Es geht hier nicht um Literaturkritik: Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" ist über literarische Einwände ebenso wenig erhaben wie irgendein Buch von Grass – oder von Maximow oder sogar Solschenizyn. Es geht hier nur darum, einen Autor gegen eine grobe Sinnverdrehung in Schutz zu nehmen: Böll beschreibt, wie eine brutale Spielart des Journalismus Gewalt erzeugt. Das Problem einer skrupellos zudringlichen Sensationspresse mag Pachman und anderen Emigranten sehr fern sein und ihnen nicht wesentlich vorkommen. Es ist jedoch eins unserer Probleme. Es wird bei uns artikuliert werden müssen, auch wenn die Springer-Presse, die sich von Bölls Erzählung "unvermeidlicherweise" getroffen fühlte, sich jetzt hinter den Namen von Emigranten zu verstecken sucht.

Da nämlich ist schon der springende Punkt. Er heißt: Relativierung der Moral. Nach dem Resümee der "Welt" hätte Böll gesagt: "Kennzeichnend ist auch, daß Böll, der die russischen und osteuropäischen Autoren beschuldigt, sie ,relativierten‘ die westlichen Probleme, nun seinerseits den Stalinismus relativiert: Die bewußte und geplante Vernichtung von 40 Millionen Menschen im ‚Archipel GULag‘ setzt Böll mit dem Hunger in Entwicklungsländern oder mit den Obdachlosen in westlichen Großstädten gleich."

Was aber hatte Böll gesagt? "Wenn man die Greuel des Stalinismus zum einzigen Maßstab machen läßt für die Leiden der Welt, dann wird Chile zu einer Bagatelle, die Probleme Frankreichs, Englands, Italiens, der Bundesrepublik, der USA, gesamt Südamerikas ebenfalls. Keine Indiofrau, die fürchten muß, daß von ihren 14 Kindern drei oder fünf verhungern, kein Obdachloser in Köln oder Berlin, wird getröstet durch die Greuel des Stalinismus. Man muß, glaube, ich, früh genug erkennen, daß diese Gefahr der Relativierung besteht und daß die Springer-Presse daran interessiert ist. Es entspricht ihrer Tendenz, und auch darin hat Günter Grass recht, wenn er von schlechter Gesellschaft spricht." –

Ist das so unklar? Relativiert der die Moral, wer sich dagegen verwahrt, daß ein Unrecht durch an anderes aufgewogen wird?

Das könnte den Springer-Zeitungen so passen: daß die Literaten endlich Ruhe geben, weil keinerlei Unrecht mehr etwas wiegen soll gegen das Unrecht dessen, was (beschönigend) Stalinismus heißt. Am bequemsten wäre es für sie, Böll und Grass und die anderen ließen sich gleich als Parteigänger des Sowjetsystems entlarven und vielleicht obendrein noch als RAF-Terroristen. Da das offensichtlich nicht möglich ist, müssen sie tun, was Böll so beschrieb: "... mit perniziöser Dauerhaftigkeit alles ,Dritte‘ " vernichten.

Dieses "Dritte" aber muß der Springer-Presse zum Trotz weiter gedacht werden. Eugene Ionesco fordert es in "Kontinent" selbst. Wenn die Zeitschrift im Westen einen Zweck erfüllen kann, dann den, die reformerische Intelligenz zu veranlassen, mit all der Radikalität, die sie aufbringen kann, zu klären, wieso die humane Idee des Sozialismus ein System des gemeinen Terrors hervorbringen konnte. Da gibt es etwas zu lernen. Da muß endlich aufgeräumt werden. Aber wer verlangt, man müsse beim Lernen ein Auge zuhalten, erstickt diesen Lernprozeß im Keim. Er erstickt ihn auch schon darum, weil den Sozialismus und seine Pervertierung nur erklären kann, wer ins Auge faßt, gegen welches (teilweise überlebendes) Unrecht er einst antrat und ohne das er nie entstanden wäre. Auf diesem Kontinent bleibt einiges zu klären; es wird mit beiden Augen offen geschehen oder nie.