Die Wilde unter den Virgin Islands ist ein Dorado für Naturliebhaber

Von Thomas von Randow

Ein Fleck auf dieser Erde, wo ewig Sommer ist, tagsüber die Sonne scheint und nachts der Regen fällt, ein Fleck mit tropischen Wäldern dicht bewachsen, die man aber gefahrlos durchstreifen kann, ein Fleck mit ersteigbaren Bergen und umrandet von den schönsten Stränden der Welt inmitten einer kristallklaren See und dennoch keineswegs von Touristen übervölkert, gibt es so etwas noch?

Ja, diesen Fleck gibt es. Entdeckt hat ihn vor 878 Jahren Christoph Kolumbus in der Inselgruppe des Karibischen Meeres,, die er zu Ehren der Heiligen Ursula und ihrer elftausend Jungfrauen die Jungferninseln genannt hat: St. John, drittgrößte der amerikanischen Virgin Islands, auf der geographischen Länge der Bermudas, jedoch weit südlich vom Wendekreis des Krebses auf der geographischen Breite Jamaikas.

Um es gleich zu sagen: Es ist nicht leicht, einen Platz in diesem Paradies zu finden. Die knapp 5000 Hektar große, von 2000 Einheimischen bewohnte Insel bietet nur etwa 600 Feriengästen Raum. Der Grund: Mehr als zwei Drittel der Insel ist Nationalpark, kann also nicht mit Hotels bebaut werden.

Es gibt überhaupt nur ein Hotel, Caneel Bay Plantation, im Besitz der Familie Rockefeller, mit 108 Zimmern, luxuriös, aber nicht protzig, versteckt in der Cancel-Bucht gelegen, mit Privatstrand, einer Flotte von kleinen Yachten und allem anderen, was zu einem Sea Resort gehört – nur für reiche Leute. Dann gibt es noch in der "Hauptstadt" Cruz Bay eine Art Motel, bestehend aus sieben Bungalows, Gallows Point genannt, betrieben von dem Schauspieler und Schriftsteller Richard Ellington. Für sparsame Touristen gibt es einen – kostenlosen – Campingplatz (Zelt und Zubehör kann man gegen eine Gebühr leihen) und eine kleine Hüttenstadt mit ausreichender Bequemlichkeit im Nationalparkgebiet. Zwei Bungalows in Cruz Bay und sechs im Nationalpark-Gelände sind – mit viel Glück – etwa ein Jahr im voraus billig zu mieten.

Wir hatten uns in eines der 16 Ferienhäuser eingemietet, die Carl und Sis Frank verwalten. Es sind private Sommerhäuser, die in den Zeiten, in denen die Besitzer keine Ferien machen, Touristen zur Verfügung stehen. Weil sich in diesen Privathäusern viel bewegliches Eigentum befindet, legen die Franks begreiflicherweise Wert auf eine Empfehlung – etwa durch Gäste, die schon einmal dort gewesen sind.