John Herz, deutscher Herkunft und seit vielen Jahren Professor an der City-Universität von New York, ist dem deutschen Leser durch zwei Bücher bekannt geworden, die seinerzeit in der Fachwelt der Politischen Wissenschaft zwar respektvolle Beachtung gefunden, in der weiteren Öffentlichkeit jedoch keinerlei besondere Aufmerksamkeit erweckt haben. Das eine war die mit Gwendolen M. Carter zusammen verfaßte vergleichende Studie über den modernen Staat: "Regierungsformen des 20. Jahrhunderts" (1962), das andere ein unscheinbares Bändchen "Weltpolitik im Atomzeitalter" (1961). Man könnte meinen, der vorliegende Sammelband –

John H. Herz: "Staatenwelt und Weltpolitik. Aufsätze zur internationalen Politik im Nuklearzeitalter" in: "Kritische Wissenschaft", aus dem Amerikanischen von Lily Flechtheim; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1974; 208 S., 24,– DM

sei nun eine der in der wissenschaftlichen Welt nicht unüblichen Aufsatzsammlungen, mit denen ein verdienter älterer Gelehrter gegen Ende seines Wirkens die zerstreuten Einzelteile seines Werkes zusammenträgt, eine Nachlese gewissermaßen, die mehr als freundlich-distanziertes Interesse nicht verdiente. Aber im Falle Herz trügt der Schein.

Freilich ist Herz von den Prätentionen, mit denen etwa der "Club of Rome seine Unheilsprognosen (gegen deren wissenschaftlichen Wert damit nichts gesagt werden soll) in der Öffentlichkeit plaziert, um Welten entfernt. Die Wahrheiten, die er ausspricht, kommen auf leisen Sohlen und im unauffälligen Alltagsgewand. Trotzdem wird derjenige, der den schmalen Band durchgelesen und die deprimierend schlüssige Gedankenführung dieser Aufsätze nachvollzogen hat, weniger ruhig schlafen als vorher.

Dies ist die kürzeste, klarste und einleuchtendste politikwissenschaftliche Analyse der Entwicklung unserer Gesellschaft seit der Entstehung des Nationalstaates und der industriellen Revolution, die ich kenne. Und die Prognose, die John Herz der Menschheit für die Chance stellt, die aus jener Entwicklung erwachsenden Probleme zu lösen, ist negativ: "Mir ... erscheinen die Chancen, daß es früher oder später zum Scheitern, wenn nicht sogar zum absoluten Untergang kommen wird, überwältigend, und intellektuelle Ehrlichkeit gebietet, nicht wieder, wie ich’s vordem getan ... auf einer hoffnungsvollen Note’ zu enden."

Kernstück des Buches und zugleich einigendes Band der abgedruckten neun Aufsätze ist eine "Einleitung", die die eigene wissenschaftlich-politische Entwicklung schildert und zugleich den systematischen Zusammenhang zwischen den Ergebnissen der einzelnen Abhandlungen herstellt. Ausgangsfeld der Herzschen Überlegungen ist die internationale Politik. Im ersten Aufsatz "Idealistischer Internationalismus und das Sicherheitsdilemma" leitet Herz die Probleme der Außenpolitik aus dem von ihm so genannten "Sicherheitsdilemma" ab, das heißt aus dem Gefühl wechselseitiger Bedrohung, das notwendigerweise mit der Machtkonkurrenz einer Vielzahl souveräner Staaten entstehen muß. Die Skizze "Mächtegleichgewicht, Machtorganisation im Atomzeitalter" analysiert die Zuspitzung dieses Sicherheitsdilemmas durch die Schaffung absoluter Vernichtungswaffen und durch die atomare "Bipolarisierung" UdSSR–USA.

Die Aufsätze "Aufstieg und Niedergang des Territorialstaates" und "Rückblick auf den Ter ritorialstaat" untersuchen jene Probleme, die auch im Mittelpunkt des Buches "Weltpolitik im Atomzeitalter" gestanden haben (nach meinem Urteil die klassische Studie über Möglichkeit und Grenzen der sogenannten "atomaren Abschreckungspolitik"). Der moderne souveräne (Nationalstaat war gekennzeichnet durch "Territorialität" und "Undurchdringlichkeit", das heißt, er verfügte über ein fest umrissenes Staatsgebiet und vermochte durch erfolgreiche Verteidigung seiner Grenzen den auf diesem Gebiet wohnenden Menschen Schutz zu bieten.