Ich fordere die Merzbühne. Ich fordere die restlose Zusammenfassung aller künstlerischen Kräfte zur Erlangung des Gesamtkunstwerkes. Ich fordere die prinzipielle Gleichberechtigung aller Materialien, Gleichberechtigung zwischen Vollmenschen, Idiot, pfeifendem Drahtnetz und Gedankenpumpe. Ich fordere die restlose Erfassung aller Materialien vom Doppelschienenschweißer bis zur Dreiviertelgeige. Ich fordere die gewissenhafteste Vergewaltigung der Technik bis zur vollständigen Durchführung der verschmelzenden Verschmelzungen. Ich fordere die abstrakte Verwendung der Kritiker und die Unteilbarkeit aller ihrer Aufsätze über die Veränderlichkeit des Bühnenbildes und die Unzulänglichkeit der menschlichen Erkenntnisse überhaupt. Ich fordere den Bismarckhering.

Aktueller Beitrag zur Theaterkrise (Kurt Schwitters: "An alle Bühnen der Welt", 1919)

Englische Krankheit

Der englische Arts Council, die staatlich finanzierte, von der Regierung jedoch unabhängig verwaltete Organisation zur Unterstützung der Künste, sieht einer ungewissen (und das heißt: gewiß schwierigen) Zukunft entgegen. Aus dem jetzt veröffentlichten Jahresbericht geht hervor, daß, bei gleichbleibender Inflationsrate, eine Summe von 26,5 Millionen Pfund nötig wäre, um die Höhe des Etats von 1974/75 (19,5 Millionen Pfund) zu halten. Bis jetzt hat die Regierung, die die Höhe ihrer Zuwendungen für das nächste Jahr sonst im Sommer bekannt gibt, nichts von sich hören lassen. Der Arts Council fürchtet das Schlimmste und mit ihm über 30 Theater, die Royal Opera, Covent Garden, das neue National Theatre (dessen Eröffnung bereits aus Kostengründen verschoben wurde), die Künstler, Kunstausstellen und Literaten. Denn einem ungeschriebenen Gesetz zufolge einigen sich die Sparkommissare aller Nationen immer zuerst auf die schönen (und deshalb streichbaren) oder nicht mehr schönen (und deshalb ärgerlichen) Künste. Im Falle des Arts Council würde die Schrumpfung der Finanzen die Demontage der englischen Kunstszene bedeuten. Aber nicht nur für England gilt der Kommentar der "Times": "Wir brauchen die Kunst in schlechten Zeiten noch mehr als in guten."

Die Preisfrage

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung stellt immer so schöne Preisaufgaben. Diesmal kann sich bei ihr 3000 Mark verdienen, wer bis Ende 1974 einen vierzig- bis sechzigseitigen Aufsatz einreicht, der die brennende Frage "Kann man dichten, ohne zu denken, und denken, ohne zu dichten?" zum Thema hat. Das Volk der Dichter und Denker wird jetzt ins Grübeln geraten: Da alle denken, sie dächten, werden sie sich fragen müssen, ob sie da nicht völlig schief liegen, sofern sie bisher das Dichten unterlassen haben; und die, die dichten, werden sich dem Verdacht stellen müssen, sie gehörten zu jenen Un-Menschen, die grundsätzlich gar nicht denken; sie werden ihn nur entkräften können, wenn sie nun fleißig über die Preisfrage der Akademie nachdenken. Zur Wiederherstellung der Seelenruhe stellen wir unsererseits eine Preisfrage: 100 Mark (den Honorarsatz der Akademie) erhält das Akademiemitglied, das uns auf höchstens zwei Seiten erklärt, ob man Preisfragen stellen kann, ohne zu denken, oder denken, ohne Preisfragen zu stellen.

Intendant Christoph von Dohnányi

Das Rennen ist gelaufen: Christoph von Dohnányi, derzeitiger Operndirektor und Generalmusikdirektor der Städtischen Bühnen Frankfurt, 45 Jahre alt, wird mit Beginn der Spielzeit 1977/78 Intendant der Hamburgischen Staatsoper. Dohnányis Vertrag läuft über acht Jahre bis zum 31. Juli 1985. Bis unmittelbar vor der abschließenden Beratung waren die Vertragsbedingungen umstritten: Während Dohnanyi nur eine Anwesenheit von acht Monaten pro Jahr in Hamburg konzidieren wollte, bestand die Oper, vor allem der Betriebsrat und die Verwaltung, auf längerer Präsenz. Noch am Vortag der Entscheidung startete das Hamburgische Philharmonische Orchester, das den Dienst in der Oper versieht, eine letzte vergebliche Demarche gegen Dohnányi. Nach Aussagen des Hamburger Kultursenators Biallas sind die Bedingungen nun "maßvoll": Neben der Intendanz wird Dohnányi bis zu drei Einstudierungen übernehmen und insgesamt bis 40 Aufführungen dirigieren können, Gesamtvergütung: rund 250 000 Mark jährlich. Eine Hoffnung knüpft Hamburg an das Neuengagement: Der Vertrag "eröffnet die Möglichkeit zur Kooperation mit anderen Opernhäusern". Gedacht ist vor allem an einen Produktionsaustausch mit Berlin. Aber bislang sucht Berlin erst einmal selber noch einen Intendanten für seine Deutsche Oper.