Von Anatol Johansen

Fast zehn Jahre nach dem Start des ersten – amerikanischen – Nachrichtensatelliten soll jetzt auch ein deutsch-französisches Erzeugnis am Himmel für die Fernübertragung von Fernsehprogrammen und Telephongesprächen sorgen, ein Kunstmond mit Namen "Symphonie". Mit diesem Gerät und der Sonnensonde "Helios", für die deutsche und amerikanische Bundesbürger rund 650 Millionen Mark aufbrachten – Symphonie kostet Deutsche und Franzosen annähernd die gleiche Summe – erreichen die nunmehr zwölfjährigen Bemühungen um eine angemessene deutsche Weltraumpräsenz ihren Höhepunkt.

Dabei wird dieser "Weltraum-Gipfel" nicht etwa von der Höhe der zur Verfügung gestellten Gelder markiert. Vielmehr manövriert sich die Bundesrepublik mit beiden neuen Geräten sowohl auf wissenschaftlich-technologischem Gebiet (Helios) als auch in der direkten Nutzung des Weltraums (Symphonie) hinter den beiden Supermächten USA und Sowjetunion zusammen mit Frankreich in die Spitzengruppe der raumfahrttreibenden Nationen.

Der Sonnenspäher Helios A, der unter dem Management der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) konstruiert und jetzt auf die Spitze ihrer Trägerrakete montiert wurde, ist kaum mehr mit jenen Erdsatelliten zu vergleichen, die bisher die europäische Raumfahrt ausmachten. Die Sonde, die am 8. 12. 1974 um 9.35 MEZ starten soll, gleicht eher den Planetenkundschaftern, die von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zu Merkur, Venus, Mars und Jupiter geschickt worden sind. Helios A – Helios B soll etwa ein Jahr später starten – soll sich der Sonne bis auf 45 Millionen Kilometer nähern (der mittlere Abstand der Erde von der Sonne beträgt rund 150 Millionen Kilometer) und ihr damit näher kommen als je ein Raumfahrzeug zuvor. Solche Aufgabe stellt hohe Anforderungen an den Raumflugkörper. Die Silizium-Solarzellen, die Helios bei einer Spannung von 28 Volt mit 270 Watt elektrischer Energie versorgen, werden sich teilweise auf 175 Grad Celsius erwerden Die Drähte der Antennen, so teilte der Leiter des Helios-Projektes bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm in Ottobrunn, Günter Scheil mit, könnten durch die intensive Strahlungshitze der Sonne sogar glühend werden. Bei so hohen Temperaturen muß auch dafür gesorgt sein, daß sich die in der Sonde untergebrachten Meßgeräte und Experimentalanordnungen auf nicht mehr als 30 bis 40 Grad Celsius erwärmen. Auch muß verhindert werden, daß Materialien bei den hohen Temperaturen ausgasen.

Ziel der 180tägigen Mission der 350 Kilogramm schweren Sonde ist es,-neue Erkenntnisse über die, Wechselwirkungen zwischen Erde und Sonne zu gewinnen. Dafür sind zehn Experimente vorgesehen, die unter anderem den Sonnenwind, magnetische und elektrische Felder, die kosmische Strahlung und den kosmischen Staub untersuchen sollen. Auch wird Helios Veränderungen in der Hochatmosphäre der Erde, die von Vorgängen auf der Sonne hervorgerufen werden, registrieren.

Von den zehn Experimentalanordnungen stammen sieben aus der Bundesrepublik und drei aus den USA. Bei einem zusätzlichen elften Experiment soll die Einstein’sche Relativitätstheorie erneut überprüft werden: Wenn Helios A auf seiner komplizierten, um Erde und Sonne führenden Bahn für 68 Tage hinter dem Tagesgestirn zu verschwinden beginnt, müßten seine Funksignale Einstein zufolge auf ihrem Weg zur Erde einen Umweg von 20 Kilometer Länge machen. Das ist nicht viel, verglichen mit 300 Millionen Kilometer Reiseweg, aber mit modernen Meßverfahren wäre selbst ein Umweg von nur 200 Meter Länge feststellbar. Folglich ergibt sich hier eine ausgezeichnete Möglichkeit, die allgemeine Relativitätstheorie in einem Punkt zu bestätigen oder zu widerlegen.

Der deutsche "Weihnachtsstern", der Nachrichtensatellit Symphonie, hat keine wissenschaftlichen Aufgaben. Er soll ein Versuchsgerät sein, mit dem sich europäische Kunstmond-Konstrukteure an dem Bau eines kommerziellen Nachrichtensatelliten herantasten möchten.