Von Heinz Michaels

Hans von Steen, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Metall für Norddeutschland, konnte sich nach langer Diskussion schließlich durchsetzen: Die Tarifkommission beschloß in einer Kampfabstimmung, für die rund 100 000 Hamburger Metallarbeiter eine Lohnerhöhung von zwölf Prozent zu fordern.

Mit dem Blick auf die vollen Auftragsbücher und der Aussicht, daß die Beschäftigung bis 1976 gesichert ist, hatten die Schiffbauer der Großwerften hartnäckig dafür plädiert, man müsse 16 Prozent mehr Lohn fordern. Dem Vorstand der IG Metall wäre solch ein "Ausreißer" jedoch äußerst unangenehm gewesen; mit zwölf Prozent liegen die Hamburger sowieso an der Spitze der Lohnforderungen für die Metallindustrie.

Der Sorgen der Automobilarbeiter eingedenk und mit Blick auf die Arbeitslosenstatistik sind die Tarifstrategen im Frankfurter IG-Metall-Hochhaus offensichtlich bemüht, die Metallarbeiter im ganzen Bundesgebiet auf Lohnforderungen um, elf Prozent einzuschwören. Die großen und von Krisen bedrohten Tarifbezirke von Nordrhein-Westfalen und Bayern haben sich schon auf diesen Satz geeinigt; die Saarländer sind mit 10,5 Prozent noch darunter geblieben.

Der Verhandlungsspielraum, den die Gewerkschaft einkalkulieren muß – bei der letzten Tarifrunde zu Jahresbeginn ließ sie sich drei Prozentpunkte und mehr abhandeln –, würde bei dieser Taktik einen Tarifabschluß von etwa 8,5 Prozent möglich machen. Damit bliebe die IG Metall innerhalb des von der Bundesregierung gesetzten Orientierungsrahmens, ohne allerdings den von den Sachverständigen als wünschenswert bezeichneten Wert zu erreichen.

Die Empfehlung des Sachverständigenrates, der "fünf Weisen", den Anstieg der Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit durch tarifpolitische Maßnahmen auf 6,5 Prozent zu begrenzen, ist nach Ansicht des Vorsitzenden der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), Hermann Brandt, allerdings eine "Überforderung der Tarifparteien". Als erster Gewerkschaftsführer hatte Brandt im Spätsommer jedoch bereits öffentlich die Ansicht vertreten, daß die Tarifabschlüsse 1975 unter zehn Prozent bleiben müssen.

Trotz der Annäherung der IG Metall an die Zehn-Prozent-Grenze konterte der Arbeitgeberverband "Gesamtmetall", die Lohnforderungen ließen "das Augenmaß für die wirtschaftlichen Realitäten vermissen". Und wie jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit begannen die Tarifparteien mit ihren Kampfgesängen.