Von Joachim Holtz

Lüneburg

Wie die Sache auch ausgehen mag: es bleibt ein schlechter Nachgeschmack." Winfried Harendza sagt es eher bitter als ärgerlich. Der Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) in Lüneburg hat die Schwierigkeiten nicht erwartet, die "die Siehe" ihm jetzt bereitet, ihm und fünfzehn behinderten Kindern.

Für die Kinder hatte der Verband nach langer Suche endlich ein Heim gefunden. Die erste halboffene Einrichtung für schwer bewegungsgestörte Kinder sollte entstehen. Nachdem sich seit 1971 ein mobiler krankengymnastischer Dienst der behinderten Kleinkinder in Lüneburg angenommen hatte, schien das Haus Magdeburger Straße 16 jetzt eine Gruppenbetreuung und eine sinnvolle therapeutische Arbeit zu ermöglichen. Besonders im Alter von drei bis sieben Jahren müssen die Behinderten das Leben in der Gruppe lernen. Eine Beschäftigungstherapeutin, eine Krankengymnastin und, für die sprachliche Förderung, eine Logopädin sollten ihnen im Lüneburger Heim dabei helfen.

Vom 1. September an hat der Wohlfahrtsverband daher das Haus neben der Eigenheimsiedlung am Kreideberg gemietet. Auch ein Garten gehört dazu, wie sich das in jenem Stadtteil schickt. Für den neuen Verwendungszweck mußten an dem Haus einige bauliche Veränderungen vorgenommen werden: Für Behinderte ist oft schon die erste Türschwelle ein schwieriges Hindernis. Eine Rampe wurde aufgegossen, zwei neue Türen entstanden, um das Gebäude wurden ein paar Quadratmeter gepflastert.

Damit jedoch begann jene Auseinandersetzung, die Winfried Harendza zurückhaltend als "die Sache" umschreibt, die Lüneburgs Bürger unter dem Stichwort "Magdeburger Straße 16" zu leidenschaftlichen Diskussionen aufruft und die im übrigen kein Einzelfall ist. Als der Bautrupp seine Arbeit begann, wurde den Nachbarn klar, was mit dem Haus nebenan geschehen sollte: Gleich jenseits des eigenen Jägerzauns, direkt neben dem stolz gehegten Garten, mit Blick auf die schmücken Bungalows der Situierten und Gesunden, wollte sich hier das Elend der Behinderten in aller Öffentlichkeit ausbreiten.

Ein beauftragter Rechtsanwalt erhob Einwände gegen den Sonderkindergärten. Formaler Grund: Es fehlte die Genehmigung für den Umbau. Das Bauaufsichtsamt wies den Wohlfahrtsverband auf diese Unkorrektheit hin. Das Grundstück Magdeburger Straße 16 liege nach dem Bebauungsplan in einem reinen Wohngebiet, hieß es, und die Benutzungsverordnung lasse hier die Einrichtung eines Kindergartens nicht zu. Mit diesem Argument hatte auch der Nachbar Stellung gegen das Behindertenheim bezogen. Der An- und Abtransport der Kinder bringe zudem eine erhebliche Ruhestörung.