Noch vor wenigen Jahren waren wir eigentlich ganz sicher: Eine Weltwirtschaftskrise wie in den dreißiger Jahren wird es nie wieder geben. Die Kenntnis der ökonomischen Zusammenhänge ist heute so weit fortgeschritten und das wirtschaftspolitische Instrumentarium so erweitert und verfeinert, daß derartige Katastrophen verhindert werden können. Wirtschaftskrisen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts finden allenfalls noch in Form eines zeitweise geringeren wirtschaftlichen Wachstums statt. Bis in die siebziger Jahre hinein war das richtig.

Inzwischen sind wir uns nicht mehr so sicher, daß weltweite Wirtschaftskrisen endgültig der Vergangenheit angehören. In der Bundesrepublik war seit 1956 die Zahl der Arbeitslosen nicht mehr so hoch wie heute (siehe Graphik Seite 32). Schon gilt die Zahl von "nur" einer Million Arbeitslosen im Winter als die Schätzung von Optimisten. In den USA hat es eine Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent seit dreizehn Jahren nicht mehr gegeben.

Zum erstenmal ist das Realeinkommen der Arbeitnehmer in vielen Industrieländern rückläufig. Außer der Bundesrepublik hat bisher kein westliches Industrieland echte Erfolge im Kampf gegen die Inflation aufzuweisen. Volkswirtschaftlich so bedeutende Industrien wie der Automobilbau stecken in einer schweren Krise. An fast allen großen Börsen der westlichen Welt herrscht Katastrophenstimmung (siehe nebenstehenden Bericht).

Die Gespräche zwischen Bundeskanzler Schmidt und dem britischen Premierminister Wilson, zwischen Schmidt und dem amerikanischen Präsidenten Ford sowie die Diskussionen während des Pariser Gipfeltreffens drehten sich alle um die Frage, wie die Regierungen der Industriestaaten der Krise Herr werden könnten.

Die ökonomischen Rezepte, auf die wir uns so lange verlassen haben (und verlassen konnten), versagen, weil es gilt, Inflation und Arbeitslosigkeit gleichzeitig zu besiegen. Sie versagen, weil sie in einer Zeit ersonnen und erprobt wurden, in denen noch kein Kartell der Ölländer das gesamte Finanz- und Währungssystem der Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen drohte. Sie versagen, weil heute in vielen Staaten soziale Unruhen, rücksichtslose Verteilungskämpfe oder – wie in Italien – eine zunehmende Paralyse des Staates eine konsequente Politik zur Stabilisierung der Beschäftigung und des Geldwertes nahezu unmöglich machen.

Und trotz des vielfach vorhandenen guten Willens ist auch eine koordinierte Wirtschaftspolitik der wichtigsten Industrieländer kaum möglich, so notwendig sie wäre. Das liegt; nicht nur an der unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Philosophie, die etwa in Paris, London oder Bonn vertreten wird. Dies liegt vor allem an der sehr verschiedenen Rangfolge der Probleme, mit denen die einzelnen Länder fertig werden müssen – und an den unterschiedlichen Fähigkeiten ihrer Regierungen, die notwendige Kur politisch zu überleben.

Doch auch wenn es unter diesen Voraussetzungen nur möglich ist, sich über den Atlantik hinweg und innerhalb Europas auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen, so muß doch zumindest dieser Versuch gemacht werden – in der Stabilitätspolitik wie in der Energiepolitik. Die Gespräche, die Helmut Schmidt in London, Paris und vor allem in Washington geführt hat, sind zumindest nicht entmutigend. Es wäre ein gefährlicher Trugschluß zu glauben, daß ein Land allein – und wäre es im Augenblick ökonomisch noch so stark – sich den Strudeln einer neuen Weltwirtschaftskrise entziehen könnte.