Nach dreißig Jahren Sozialismus feiert in Polen der Adel seine Wiedergeburt. Unter Polens Intelligenz ist es schick, ein Familienwappen aufzutreiben. Das Danziger Parteiorgan Glos Wybrzeza (Stimme der Küste) läßt diese Modewelle von seinem prominentesten Journalisten, Boguslaw Holub, untersuchen:

"Anfangs habe ich darüber gelacht, wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis bei gesellschaftlichen Plaudereien plötzlich bemerkte, daß er irgendwo ein kleines Gut besessen habe und dazu ein Familienwappen ... ", schreibt Holub. "Es kam mir lächerlich vor, weil ich die geschichtlichen Etappen kenne, als man unter den Vorfahren Arbeiter suchte, später hinter Taufurkunden her war und nun nach Wappen forscht."

Auf den ersten Blick scheine es, als sei das "Spiel" nicht ernst zu nehmen, doch kürzlich "hat mich ein Freund überzeugt, daß dem nicht so ist. Man gräbt in manchen Kreisen mit Eifer ganz ernsthaft vor allem nach solchen Urahnen, die adligen Geblüts sind. Jemand zeigte mir nach seiner Rückkehr vom Ausflug nach Weißrußland ein Photo, gemacht vor einem Gutshaus, und erklärte dabei, daß eben dies das Gut seines Vaters gewesen sei, in dem auch seine Wiege stand. Mir schien, als wäre er nur deshalb dorthin gefahren, um das Photo zu machen und in den kirchlichen Geburtsregistern nach seinen Vorfahren zu stöbern. Wenn nämlich seine Kollegen X. und Y. adlige Stammbäume haben, dann will freilich auch er nicht schlechter sein."

"In der Tat", schreibt der Autor, "danach ist mir das Lachen vergangen." "Dieser Snobismus hat mich entsetzt!" Zumal es sich bei denen nicht um "Primitivlinge" handele, sondern "es sind in der Mehrzahl Menschen in exponierten Positionen. Man sollte annehmen, daß ihnen das, was sie besitzen und repräsentieren, ausreicht, um stolz auf die eigenen Errungenschaften und sich selbst sein zu können."

Es sei verständlich, wenn jemand erforschen möchte, ob sich unter seinen Ahnen "nicht vielleicht Mörder, Schwachsinnige oder Syphilitiker" befänden. Doch jene "Forschung nach Wappen" sei ohne Frage etwas Negatives, denn man wolle anderen vormachen, daß man "etwas Besseres und von adliger Herkunft" sei, was ja "schon ein Schritt zum Affenhochmut und zur Verachtung des Plebs" bedeute.

"In diesem Wappennachäffen kann ich beim besten Willen keine Rückkehr zur historischen Tradition finden", schreibt Holub, "es ist vielmehr eine der vielen Entartungen unserer Sittennormen. Man sucht nach Quellen für den eigenen Wert in dem, was andere geschaffen haben, und nicht in der eigenen Leistung. Dieser Prozeß des Rückwärtsgreifens ist der gerade Weg zu dem Baumzweig, von dem einige hundert Jahre zuvor unsere Vorfahren herabgestiegen sind." J. K.