Nach Friedeburgs Rücktritt: Seine Erben in Hessen – wie auch andernorts–repräsentieren einen anderen Typ des Bildungspolitikers

Der Beschluß kam in den frühen Morgenstunden zustande, und viel parteitaktisches Kalkül ist in ihn eingegangen: Hans Krollmann wird neuer Kultusminister in Wiesbaden und Vera Rüdiger seine Staatssekretärin, Kassel an die Front!

Übernächtigte Delegierte haben schon schlechtere Beschlüsse gefaßt. Der umsichtige und umgängliche Verwaltungsjurist Krollmann, Ex-Polizeipräsident von Kassel, hat seine Bewährungsprobe als trouble shooter, als kompetenter Ersatzmann letztes Jahr bestanden: Da Umweltminister Werner Best wegen des Giftmüll-Skandals hatte zurücktreten müssen, übernahm Krollmann dessen Ministerium. Seitdem sind keine Skandale bekannt geworden.

Mit dem neuen Kultusminister verbindet sich daher die Hoffnung der wahlgebeutelten hessischen Koalition, es möge nun auch im Ministerium am Luisenplatz ruhiger werden. Gewiß sollen die 64 integrierten Gesamtschulen, die es in Hessen gibt, als Versuche, denen dennoch der Status einer "Regelschule" zugebilligt wird, weitergeführt und wissenschaftlich beobachtet werden. Vorrang hat die Berufsbildung in Schulen, Betrieben und überbetrieblichen Ausbildungszentren.

Wer sich an die Ablösung des Bundeswissenschaftsministers von Dohnanyi in Bonn erinnert, kann sich eines Déjà-vu-Erlebnisses kaum erwehren. Die neuen hessischen Farben passen gut ins Gesamtbild des sozialdemokratischen Rückzugs aus den Stürmen der Bildungsreform. Er soll möglichst unauffällig vonstatten gehen. Fahnenträger und Fanfarenbläser stören da nur. An die Stelle der Dohnányi, Evers, von Oertzen, von Friedeburg sind Rohde, Löffler, Mahrenholz, Krollmann getreten – kompetente Verwalter, tüchtige Männer, die keiner mehr kennt.

Dazu kam nun in Hessen freilich ein beinahe genialer Einfall: Mit Krollmann zieht ins Kultusministerium als Staatssekretärin Vera Rüdiger ein, die Präsidentin der Gesamthochschule Kassel. Vier bis fünf Coups auf einen Streich: Bonbon für den benachteiligten hessischen Norden; Beruhigungspille für verärgerte Friedeburg-Anhänger im Süden; pädagogischer Sachverstand, bildungspolitische Erfahrung in einem sonst leicht verwaist erscheinenden Ministerium; und eine ganz kleine Fahne wird da, voraussichtlich mit entwaffnendem Charme, noch immer weitergetragen.

Der fünfte Coup? Es könnte der Präsidentin als Staatssekretärin gelingen, an den Quellen sitzend dafür zu sorgen, daß ihre Gesamthochschule Kassel, trotz allem eins der am besten geglückten Bildungsreformprodukte, nicht an finanzieller Auszehrung zugrunde geht. Vielleicht war dies Vera Rüdigers heimlicher Beweggrund, einzuwilligen in den Wechsel von Kassel nach Wiesbaden, der ihr nicht leichtfallen kann.

Ist am Ende also doch alles viel besser gelaufen, als die sozial-liberale Koalition befürchten mußte? An ihrer Stelle wäre ich nicht so sicher. Wie heißen denn die Bildungspolitiker im ersten Glied, die Kultusminister, die der Normalfernseher jetzt noch kennt? Mutmaßliches Ergebnis einer Umfrage: Bernhard Vogel (Rheinland-Pfalz), Hans Maier (Bayern), Wilhelm Hahn (Baden-Württemberg) und vielleicht Walter Braun (Schleswig-Holstein). Die freilich gehören alle zur CDU/CSU – zufällig? Leo