Von Peter Glotz

Wie viele Studienplätze gibt es wirklich an unseren vom Numerus clausus immer dichter abgeriegelten Hochschulen? Diese Frage wird jetzt nachdrücklicher denn je gestellt: von Kultusministerien, von den Hochschulen – die fürchten, durch eine Abiturientenlawine überrollt zu werden –, von Länderparlamenten, vom Bundestag und natürlich von den meisten Betroffenen, den Schülerinnen und Schülern, die vor dem Abitur stehen – und nicht zuletzt auch von deren Eltern.

Der Politiker muß sich bei dieser "Kapazitätsdiskussion" vor allem fragen, ob die hohen Investitionen für den Hochschulbau und für Hochschulpersonal, die statt anderer ebenfalls lebenswichtiger Gemeinschaftsaufgaben seit 1969 durchgesetzt wurden, tatsächlich zu einer entsprechenden Steigerung der Ausbildungskapazität geführt haben. Der Bundesrat war 1969 – in seiner Stellungnahme zum Hochschulbauförderungsgesetz – noch der Auffassung, es sei völlig "selbstverständlich", daß die Hochschulen ihre Einrichtungen "optimal" nutzen werden. Inzwischen sind Zweifel an dieser "Selbstverständlichkeit" immer weiter verbreitet.

Die Untersuchung der Kapazitäten der Hochschulen kann nicht dadurch abgewiesen werden, daß den Fragenden die "Sachkompetenz" abgesprochen wird. Ohne Zweifel müssen Hochschullehrer, die ihre Aufgaben vernünftig erfüllen sollen, ausreichend Zeit für die Forschung haben. Auch ist es falsch, so zu tun, als stünden überall an deutschen Universitäten Studienplätze leer; und wirkungsvoll abgefilmte leere Stühle in Hörsälen sind noch kein "Beweis" für ungenutzte Kapazitäten. Das Pathos der moralischen Entrüstung aber, mit dem manche Hochschulvertreter die Frage nach der Kapazitätsauslastung abwehren wollen, ist gleichfalls unangemessen; denn in der Tat fehlte vielen (keineswegs allen) deutschen Hochschullehrern in der Vergangenheit ein ausreichendes "Kapazitätsbewußtsein".

Dafür zwei Beispiele, die sich leicht vermehren ließen:

  • An einer Hochschule wird die Lehrleistung nach dem sogenannten "Bruttoprinzip" errechnet, das heißt, daß für die verschiedenen Lehrveranstaltungen je nach Arbeitsaufwand verschiedene Vorbereitungs- und Nachbereitungszeiten veranschlagt werden. Sieben von fünfzehn Fachbereichen beschließen daraufhin, daß bei ihnen ausschließlich Lehrveranstaltungen mit der längsten, nur für ein Drittel der Veranstaltungen vorgesehenen Vorbereitungszeit vorkommen;
  • an einer anderen Universität bleibt nach dem Bericht des zuständigen Rechnungshofs die Anzahl der Lehrveranstaltungen von etwa einem Drittel der Professoren unter der festgelegten Mindestdeputatleistung. Von ihnen gibt die Hälfte nur etwa drei, die andere Hälfte gerade vier Semesterwochenstunden, obwohl nach den geltenden Vorschriften als angemessene Vertretung des Fachs in der Lehre eine Lehrtätigkeit von mindestens sechs Stunden pro Woche gilt. Zwar wenden die Professoren ein, der Rechnungshof habe nur die im Vorlesungsverzeichnis angekündigten Veranstaltungen gezählt; aber war die Zahl der durchgeführten, aber nicht ingekündigten Veranstaltungen wirklich groß genug, um dieses Defizit zu erklären?

Selbstverständlich: Es gibt auch viele Gegenbeispiele. Es gibt einzelne Hochschullehrer und ganze Fachbereiche, die freiwillig große zusätzliche Belastungen auf sich nehmen, um möglichst viele Studenten möglichst gut auszubilden. Trotzdem: Angesichts der vor den Hochschulen Wartenden und angesichts der immer knapper werdenden Ressourcen ist es unangemessen, wenn der scheidende Präsident eines Verbandes der Hochschullehrer von seinen Mitgliedern verlangt, daß sie "in Kritik dieser zum Teil unsinnigen Kapazitätsberechnungsmodelle versuchen (sollen), das Schlimmste zu verhindern", und daß er einen "langwierigen Kampf an jeder einzelnen Universität wahrscheinlich auf Jahre hinaus" ankündigt. Wer sich so äußert, macht die Hochschullehrer zu den Fluglotsen des Bildungswesens – und schadet denen, die er eigentlich vertreten sollte.