Die demokratische Kontrolle über die in Sachen Atomkraftwerke entscheidende Exekutive müsse „das Privileg und die Pflicht der Parlamente bleiben“, hatte der Geschäftsführer des Deutschen Atomforums, Thomas. Roser, gefordert, „jede andere Entwicklung wäre gefährlich für das Funktionieren unserer Demokratie“. Daß aber gerade mit solcher Kontrolle jedes Parlament bei weitem überfordert wäre, wurde bei der gleichen Veranstaltung klar, auf der diese Worte fielen, beim zweitägigen Hearing über die „Risiken der Kernenergie veranstaltet vom Innenausschuß des Bundestages.

Die Parlamentarier nämlich erfuhren, daß sich, über die Risiken der Kernenergie die Gelehrten, keineswegs einig sind. Selbst die mögliche Schädlichkeit der radioaktiven Strahlung, die beim Betrieb von Kernkraftwerken unsere Umwelt zusätzlich belastet, ist offenbar noch völlig ungeklärt. Bisher hatte man uns mit dem Argument beruhigt, verglichen mit der natürlichen Strahlung sei das, was durch die Nutzung der Kernenergie hinzukäme, unerheblich, weil geradezu lächerlich gering. Doch in Bonn zog der Konstanzer Privatdozent Bodo Manstein die Stichhaltigkeit eben dieses Arguments in Zweifel. Man verfüge nicht über Vergleichsdaten und sei deshalb außerstande, die Auswirkungen einer über dem statistisch berechneten Durchschnitt der natürlichen Radioaktivität liegenden Strahlenbelastung des Menschen abzuschätzen.

Noch uneiniger war man sich über die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Reaktorunfall größeren Ausmaßes eintreten und welche Auswirkungen er auf die Bevölkerung haben kann. Amerikanische Berechnungen und Experimente, die Aufschluß über diese Frage geben sollten, ließen zwar einen „GaU“ (Kürzel für „größter anzunehmender Unfall“) als extrem unwahrscheinlich erscheinen, pro Reaktor einmal in siebzehntausend Jahren, aber ausgeschlossen ist er eben nicht.

Geradezu ratlos scheinen die Fachleute vor dem Problem zu stehen, wo auf die Dauer der radioaktive Abfall gelagert werden soll, von dem immerhin ein Teil jahrtausendelang strahlend bleibt. Problematisch ist schließlich auch die Frage, was mit ausgedienten Reaktoren geschehen soll. Nach etwa vierzig Jahren ist ein Reaktor unbrauchbar geworden. Aber man kann ihn nicht einfach abreißen, weil sein Inneres eine gefährliche Strahlenquelle bleibt. So werden sich mit der Zeit in unseren Landschaften die Reaktorruinen häufen, Ruinen, die immerhin streng bewacht werden müssen, weil in ihnen Gefahr lauert. Kernkraftwerke also sind, das ging, aus der Diskussion der Experten deutlich hervor, Kommoditäten, die mit einem schwer abschätzbaren Risiko behaftet sind. Wir können auf diese Kraftquellen nicht verzichten. Der Bedarf an elektrischer Energie wächst von Jahr zu Jahr, die fossilen Brennstoffe hingegen schwinden und werden zunehmend teurer. So bleibt kein anderer Ausweg als das gründliche Studium dieses Risikos, die Entwicklung einer Strategie, mit der ihm begegnet werden kann und eine vernünftige Aufklärung, der Bevölkerung über die Bilanz aus Nutzen und Gefahren der nuklearen Energiespender. just eine solche Risikostrategie präsentierte das Innenministerium den Hearingteilnehmern mit seiner Studie „Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen und Strahlenschutz“.

Eines ist unbestreitbar: Je dichter das Netz der Kernkraftwerke wird, desto größer werden die mit der nuklearen Energie verbundenen Risiken für die Bevölkerung. Diese Dichte aber hängt von dem Bedarf an elektrischem Strom ab. Gegenwärtig nimmt er pro Jahr um sieben Prozent zu. Muß er denn auch weiterhin in diesem Ausmaß wachsen?

Nein, er muß nicht, aber er wird. Selbstverständlichkönnte viel Strom eingespart werden. Die Situation ist ohnehin grotesk; denn der größte Teil des in Haushalten und im Kleingewerbe verbrauchten Stroms (und das sind immerhin 45 Prozent) wird in Wärme umgewandelt. Das heißt: Die aus fossilen oder nuklearen Brennstoffen gewonnene Wärme wird in Strom umgewandelt, um am Ende wieder in Wärme zurückverwandelt zu werden. Kein Wunder, daß bei der Elektrizitätsgewinnung und -nutzung zwei Drittel der Primärenergie schlicht verschwendet werden. Daß solche Verschwendung verringert werden könnte, liegt auf der Hand. Freilich würde dies eine Umstellung auf Gas oder angelieferte Wärme statt des Stroms, der „sowieso ins Haus“ kommt, und Verzicht auf manche Bequemlichkeit bedeuten. Realistisch wäre dies ohne Zwang nicht zu erreichen und realistisch ist die Möglichkeit nicht, solchen Zwang auszuüben.

Mithin bleibt uns das stete Wachstum an Strombedarf und damit die Notwendigkeit, nukleare Kraftwerke zu bauen. Bis zum Jahr 1985 sollen vierzig bis fünfzig davon in unserem Lande erstellt werden. Da wir unvernünftig sind, werden wir also mit dem nuklearen Risiko leben müssen. Thomas v. Randow