Von Benjamin Henrichs

Der Märchenkönig sieht ziemlich unansehnlich aus – trägt graue Strumpfhosen unter dem Herrscherwams, hat ein vom Griesgram verknautschtes Gesicht. Aber einmal darf auch dieser König glücklich sein. "Ist das schön!" ruft er entzückt, denn Unerhörtes hat sich begeben.

Was war so schön? Am Bühnenhimmel, hinter einer bunt und fad bemalten Sperrholzkulisse, war eine Pappsonne aufgegangen. Gut, daß der König sagte, wie schön das war – kein zuschauendes Kind wäre je auf den Gedanken gekommen.

Kulinarisches Kindertheater, das auf seine Schönheiten lauthals hinweisen muß (damit sie überhaupt jemand bemerkt); Kindertheater, das gern sinnlich wäre, aber leider nur grenzenlos geizig ist: das ist nun vor Weihnachten am Hamburger Thalia Theater (bei Jewgenij Schwarz’ "Aschenbrödel") zu sehen – und so ähnlich sicher an vielen Orten. Melchior Schedlers hoffnungsfrohe These ("Bewußtloses Feen- und Flittertheater findet nicht mehr statt") – von der Weihnachtsveranstaltung des Thalia Theaters wird ihr zweieinhalb Stunden lang gründlich widersprochen. Ich weiß nicht, ob diese Art Kindertheater schon die Ausnahme oder immer noch die Regel ist. Zu lernen jedenfalls ist daraus, was Kindertheater auf gar keinen Fall mehr sein darf. Nämlich: ein Unternehmen der Resteverwertung, für das die billigsten Bühnenbilder (wenn sie nur bunt sind), die kleinsten Kleindarsteller (wenn sie nur ein einigermaßen lustiges Gesicht machen) gerade gut genug sind.

Die Apologeten solchen Kindertheaters geben sich gern kinderfreundlich, und ihr Vokabular dröhnt von Gemütswerten (kindertümlich, warmherzig, menschlich) – sie lenken so, leider noch immer erfolgreich, von der Wirklichkeit ihres Gewerbes ab, einer zynischen Wirklichkeit: Das gleiche Theater, das sich für seine Abonnenten in teure Kostüme wirft, knausert bei den Kindern. Die werden’s schon nicht merken.

Daß ein Staatstheater Märchen auch anders, mit Anstand und Phantasie erzählen kann, bewies das andere Hamburger Großtheater, das Deutsche Schauspielhaus. Maria Reinhard und Bernd Wilms haben aus L. Frank Baums Geschichte vom "Zauberer von Oos" ein Stück gemacht, Maria Reinhard hat es inszeniert. Und die Schauspieler haben sich mit großem, fröhlichem Ernst an die Sache gemacht – haben gezeigt, daß Kindertheater keine lästige Nebensache sein muß, daß es eine lustige Hauptsache sein kann.

In Kansas, wo die Wiesen und die Häuser grau sind, lebt das Mädchen Dorothee. Ein Wirbelsturm (es könnte auch ein wilder Traum gewesen sein) trägt das Mädchen ins Zauberland Oos – wo es gute und böse Hexen und noch andere wunderliche Lebewesen gibt: eine Vogelscheuche (Knut Hinz), die gern denken könnte, einen Blechmann (Dietmar Mues), der ein seelisches Problem hat (es fehlt ihm das Herz) und ein profan physisches – seine Glieder müssen dauernd geölt werden, wobei der Schauspieler herrlich rostige Lustschreie ausstößt. Und es gibt einen ängstlichen Löwen, der gern "mutig wie ein Löwe" wäre – Gerhard Olschewski spielt seinen Jammer mit schöner, ernster Emphase, ohne alle Verstellungsniedlichkeiten.